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„Das ist nur meine Denkmusik, ich brauch‘ die...“

Doppelfolgen hatte es innerhalb der öffentlich-rechtlichen Krimireihe bereits hin und wieder gegeben; neu war, dass beide Folgen direkt hintereinander ausgestrahlt wurden. So geschehen am 21. Dezember 2025 mit BKA-Kriminalhauptkommissar Thorsten Falkes (Wotan Wilke Möhring) 22. Fall, einer deutsch-niederländischen Koproduktion, die ihre Premiere bereits am 27. September 2025 auf dem Filmfest Hamburg gefeiert hatte. Das Drehbuch stammt von Alexander Adolph und Eva Wehrum, das von Hans Steinbichler („Winterreise“) inszeniert wurde, der damit erstmals für den „Tatort“ drehte.

„Ganz schön brutal!“

Wo steckt Carsten Kellmann aka Joe Glauning (Andrei Viorel Tacu, „Lu von Loser“)? Der Bulle war als verdeckter Ermittler im deutsch-niederländischen Grenzgebiet eingesetzt, um der Drogenmafia um Ahmed Saidi (Yousef Sweid, „American Assassin“) auf die Spur zu kommen, doch haben seine Vorgesetzten schon länger nichts mehr von ihm gehört. Deshalb setzt man Bundespolizist Thorsten Falke auf ihn an, der mit Mario Schmitt (Denis Moschitto, „Almanya – Willkommen in Deutschland“) einen auf Cyber-Kriminalität spezialisierten neuen Kollegen zur Seite gestellt bekommt. In den Niederlanden arbeitet Falke zudem mit Lynn de Baer (Gaite Jansen, „Peaky Blinders – Gangs of Birmingham“) zusammen. Als sie nach mitunter gefährlichen Ermittlungen Glauning finden, ist dieser zwar lebendig, aber nicht mehr der Alte – und aufgrund seiner psychischen Verfassung keine allzu große Hilfe. Die Mocro-Mafia hingegen ist quickfidel und nicht gewillt, sich in die Suppe spucken zu lassen – dafür geht sie auch über Leichen…

„Ich bin der König von Deutschland!“

Diese Doppelfolge ist ein besonders ambitioniertes Unterfangen, das dann auch zunächst etwas unübersichtlich mit diversen Personalien und Handlungsfäden beginnt. Konzentration ist nicht nur beim deutsch untertitelten Niederländisch erforderlich, möchte man den Überblick bewahren. Die Geschichte um eine Kokainmafia – der Titel „Schwarzer Schnee“ verweist auf eine dunkle Kokain-Variante – geht einher mit Misstrauen in staatliche Institutionen, Verführbarkeit von Jugendlichen und einem Klima von Angst, um im letzten Drittel des ersten Teils die Spannung anzuziehen und richtig aufregend zu werden, fieser Cliffhanger inklusive.

„Kein Blut in meinem Herz, ja?!“

Es muss ja aber auch der neue Kollege an Falkes Seite eingeführt werden, was nicht immer ganz souverän in einer Mischung aus Comic Relief und autistischem Nerd geschieht, dem Klischee von IT-Experten folgend. Dafür überzeugt auf holländischer Seite Gaite Jansen, die als Lynn de Baer Ausstrahlung für zwei besitzt. Im zweiten Teil übertreibt man es zeitweise mit den zahlreichen parallelen Handlungssträngen, die sogar noch von einigen Rückblenden ergänzt werden. Da vollständig am Ball zu bleiben, fiel zumindest mir zunehmend schwer. Und der Deutsch-Holländisch-Mischmasch treibt absurde Blüten, wenn Holländer zuweilen deutsch miteinander sprechen. Dieser Doppel-„Tatort“ skizziert atmosphärisch kalt die Brücke zwischen Klein- und Großkriminalität und scheut auch vor der einen oder anderen Actioneinlage und Gewaltspitze nicht zurück, droht aber immer wieder, sich zu verzetteln, irritiert mitunter auch bewusst (beispielsweise wenn man sich inmitten eines Hip-Hop-Videodrehs wiederfindet) und ist mir unterm Strich zu überladen und komplex. Dieses Empfinden führe ich zum einen auf erzählerische Schwächen zurück, zum anderen aber auch darauf, dass es für mich nur selten wirklich gut funktioniert, wenn der „Tatort“ sich an großen Kinovorbildern und deren Bildsprache orientiert.

Wer dafür jedoch eine größere Affinität hegt und von üblichen, „typisch deutschen“ „Tatort“-Episoden eher gelangweilt ist, findet hierin vielleicht einen gelungenen Ausreißer.

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