Es gibt nur 2 große und auch international bekannte spanische Regisseure: einerseits Pedro Almodovar, der schon mit Filmen wie "Alles über meine Mutter" und "Sprich mit ihr" zu Oscar-Würden kam, und andererseits Alejandro Amenábar, auf dessen Film "Öffne die Augen" das Remake selbigen Stoffes als "Vanilla Sky" basierte.
Letzterer ist Almodovar durchaus ebenbürtig, so schaffte er mit "The Others" immerhin den Sprung nach Hollywood.
Mitte der 90er überzeugte er schon mit seinem Ausnahme-Thriller "Tesis-Faszination des Grauens" (so der Fernsehtitel).
Dabei geht es um eine Madrider Kommunikationswissenschafts-Studentin namens Angela, welche zum Thema "Gewalt in den Medien" ihre Diplomarbeit schreiben will. Deshalb bittet sie ihren Professor, im Filmarchiv der Uni nach besonders gewalttätigen und abstoßend-realen Flmen zu suchen. Als er beim Sichten eines entsprechenden Films stirbt und sie den abstoßenden und echten Inhalt des Films zu sehen bekommt, kommt sie einer Verschwörung auf die Spur...
Anders als "The Ring" setzt "Tesis" nicht auf plakative und verstörende Schockeffekte, sondern schöpft seine Kraft aus dem Aufbau einer ungeheuer suggestiven Spannung. Zahlreiche Wendungen (die hier natürlich nicht verraten werden) sorgen für Abwechslung und halten den Film am Laufen und sorgen für Kurzweiligkeit. Der Thriller-Plot ist gut gelungen und gewinnt den Vergleich mit ebenfalls den Snuff-Film-Plot behandelnden "8MM" um Längen.
Allerdings liegt genau hier die kleine Schwäche des Films: was zu einer genialen zivilisationskritischen Auseinandersetzung mit menschlicher Neugier und Schaulusttum im Angesicht von Gewalt und ihrer Verführung hätte werden können, verkommt zum bloßen Verschwörungsthriller. Allein schon der Beginn des Films mit dem Selbstmörder in der U-Bahn hat schon dieses Paradoxon von Voyeurismus und Abschreckung behandelt und hatte durchaus ausbaubares Potenzial, genauso wie die Szene, in der Angela ob der grausamen Szenen in den Videos des Kommilitonen durch ihren menschlichen Urinstinkt der Neugier gezwungen wird, hinzusehen und sich nicht vor Scham und Ekel abzuwenden. Nur deshalb, aufgrund der ungenutzten Gelegenheit der filmischen Analyse eines so wichtigen und beutsamen Themas wie Gewalt in den Medien, ist hier bei aller Klasse des Films eine kleine Einschränkung zu machen.
Die Charakterzeichnung und -entwicklung der beiden Hauptdarsteller indes ist brillant: Angela, die unschuldige Studentin, welche von der Gewalt und ihren entsprechenden Darstellungen verführt wird und schließlich nur ein kleiner Schritt fehlt, bis sie deren Faszination erliegt einerseits und andererseits ihr abgebrühter Kommilitone, der angesichts moralischer Einsicht langsam geläutert wird.Selbige Wandlung wird von den Darstellern auch glaubwürdig vorgetragen.
Hätte Amenábar keinen Verschwörungsthriller aus diesem brisanten und ambitionierten Stoff um Medien-Gewalt und Snuff-Filme (Filme mit echten Morden und Toten) gemacht, sondern eine analytische Gesellschaftsstudie, hätte der Film eine noch bessere Bewertung verdient, so kann ich aber leider "nur" 8 von 10 Punkten vergeben.