Review

„Nur über meine Leiche!“

Mit „Murot und der Elefant im Raum“ inszenierte Dietrich Brüggemann im Frühjahr 2024 seinen nach „Murot und das Murmeltier“ zweiten „Tatort“ um den Wiesbadener LKA-Kriminalhauptkommissar Felix Murot (Ulrich Tukur) und zeichnet erneut auch für Drehbuch und Musik verantwortlich. Murots 14. Fall feierte seine Premiere am 1. September 2025 auf dem Ludwigshafener Festival des deutschen Films und wurde am 28. Dezember 2025 im TV erstausgestrahlt.

„Wir betreten hier absolutes Neuland!“

Die junge Alleinerziehende Eva Hütter (Nadine Dubois, „Tschick“) hat mit ihrem fünfjährigen Sohn Benjamin (Lio Vonnemann) einen Termin beim Familiengericht, wo sie das Sorgerecht zu verlieren droht. In einer verzweifelten Kurzschlussreaktion entführt sie ihren Jungen und versteckt sich mit ihm in einer Waldhütte, was sie ihm als Kurzurlaub schmackhaft macht. Um Lebensmittel einzukaufen, fährt sie ohne Benjamin noch einmal los, wird jedoch von einem Streifenpolizisten entdeckt und verunfallt auf der Flucht, woraufhin sie im Koma liegt – und niemandem mehr sagen kann, wo sich ihr Sohn befindet. Da die Polizei um Felix Murot und Magda Wächter (Barbara Philipp) den Jungen nicht findet, ergreift sie eine ungewöhnliche Maßnahme: Murot erklärt sich bereit, sich an eine neuartige, experimentelle Maschine seines Psychiaters Dr. Schneider (Robert Gwisdek, „Die Känguru-Verschwörung“) anschließen zu lassen, über die er in Evas Unterbewusstsein eintaucht – in der Hoffnung, auf diese Weise zu erfahren, wo sie Benjamin versteckt hat…

„Peinlich, peinlich, peinlich…“

Die Handlung präsentiert sich als halbsatirisches Science-Fiction-Krimidrama und fügt sich damit ins Wiesbadener „Tatort“-Konzept ein, nicht nur ein bisschen, sondern ganz anders zu sein, ein. In einem herkömmlichen „Tatort“ wäre die Geschichte vielleicht, dass eine Art Mad-Scientist-Scharlatan, der sich in seiner Freizeit als geisteskranker Esoterik-Hippie entpuppt, jemanden an ein absurdes Gerät anschließt und ihn dadurch fahrlässig tötet – was die Polizei ihm beweisen muss. Hier hingegen lässt sich das LKA freiwillig mit Dr. Schneider ein, der in einer Mischung aus visionär, intelligent und kauzig charakterisiert wird, und hier führt diese Methode tatsächlich zumindest dazu, dass Murot und Eva Hütter sich im Unterbewusstsein begegnen.

Brüggemann und sein Team visualisieren diese Begegnungen (wie auch zu Beginn Murots Alpträume) in sehenswerten surrealen Bildern, die psychologische Vorgänge abstrakt widerspiegeln, aber auch Einblicke in Hütters Charakter gewähren. Das dürfte in der Umsetzung viel Spaß gemacht haben und das tut es auch beim Zuschauen. In Kombination mit klassischer Polizeiarbeit, Web-Recherchen usw. lernt man die Koma-Patientin nach und nach kennen und erfährt unter anderem, dass sie früher einmal Punkerin war – und wie zu der Person wurde, die sie ist. Und damit es spannend bleibt, ist all das mit nicht ungefähren Schwierigkeiten verbunden, insbesondere Murots Versuche, nach erfolgreichem Eindringen in Hütters Unterbewusstsein einen wirklichen Zugang zu ihr zu finden. Der Rechtfertigungsdruck des Teams vor dem Krisenstab (dem auch Heinz Rudolf Kunze beiwohnt) trägt sein Übriges dazu bei, ist aber auch Anlass für gepfefferte bis humorige Dialoge.

Der angenehme Humor, der nicht mit der Brechtstange daherkommt, ist einer der Faktoren, durch die sich dieser „Tatort“ deutlich von diversen Spielfilmen unterscheidet, die eine ähnliche Thematik aufgreifen. Am stärksten drängen sich indes Parallelen zu „Murot und das Paradies“ auf. Originell genug ist „Murot und der Elefant im Raum“ dennoch und macht zudem optisch einiges her, nicht nur wegen seiner vielen Kameradrohnenaufnahmen. Nadine Dubois beweist, dass sie sowohl Drama als auch entrückt Komödiantisches beherrscht und schultert ihre ambivalente Rolle prima. Ein recht großer Elefant im Raum dieses sehr unterhaltsamen „Tatorts“ ist letztlich dann aber leider doch die innere Logik der Handlung, abseits aller Science-Fiction: Weshalb kommt niemand (!) auf die Idee, klassisch per Hubschrauber oder Hundestaffel nach dem Jungen zu suchen…?

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