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Stefan Sick verzichtet in seinem preisgekrönten Dokumentarfilm Das fast normale Leben auf jede Form von pädagogischem Zeigefinger oder biografischer Analyse. Stattdessen setzt er auf die pure Präsenz. Das Ergebnis ist ein 135-minütiges Protokoll, das dem Zuschauer viel abverlangt – und den porträtierten Mädchen gerade dadurch ihre Würde wiedergibt. Nach seinem Erfolg mit Das innere Leuchten (2019) kehrt Stefan Sick mit einem Werk zurück, das beim DOK.fest München 2025 zu Recht mit dem VFF-Preis ausgezeichnet wurde. In Das fast normale Leben begleiten wir vier junge Frauen – Leni, Eleyna, Lena und Lisann – in einer Wohngruppe der Evangelischen Jugendhilfe Friedenshort. Doch wer hier klassische Erklär-Interviews oder dramatische Rückblenden erwartet, wird enttäuscht. Sick entscheidet sich für die radikale Beobachtung.

Die Kamera als Geist an der Wand

Die Handschrift des Films ist konsequent observativ. Die Handkamera agiert wie ein stiller Beobachter, der sich weder aufdrängt noch wegsieht. In beeindruckenden Großaufnahmen fängt Sick die Mikro-Mimik der Mädchen ein: das Mahlen eines Kiefers vor dem emotionalen Ausbruch, das nervöse Spiel der Hände, die stumme Wut in den Augen. Die räumliche Enge der baden-württembergischen Einrichtung wird dabei fast physisch spürbar. Schmale Flure und die Küche als emotionales Zentrum fungieren als Metaphern für einen Alltag, der kaum Rückzugsmöglichkeiten bietet.

Mit einer Laufzeit von 135 Minuten verweigert sich der Film der üblichen dramaturgischen Ökonomie. Die Montage folgt nicht dem Ziel, eine schnelle Geschichte zu erzählen, sondern die Logik therapeutischer Wiederholung abzubilden. Streit, Eskalation, Versöhnung – und wieder von vorn. Das ist repetitiv. Dann dominieren wieder die zähen Momente des Wartens, während schnelle Schnitte nur dort einsetzen, wo Konflikte unkontrolliert explodieren. Dieser Ansatz macht die institutionelle Zeit für das Publikum erlebbar: Sie ist fragmentiert, oft monoton und von plötzlichen Spitzen der Überforderung durchbrochen.

Würde durch Weglassen

Ein zentraler – und sicherlich diskussionswürdiger – Punkt ist der strikte Verzicht auf biografische Exposition. Wir erfahren nicht wirklich, warum Leni oder Eleyna in dieser Wohngruppe leben. Es gibt keine Akten, keine Diagnosen, kein „Warum“. Diese Entscheidung verleiht den Mädchen Würde und Autonomie. Sie existieren im Hier und Jetzt, nicht als Summe ihrer Traumata.

Das fast normale Leben ist kein Film, den man konsumiert. Es ist ein Film, den man aushalten muss. Er bietet keine politischen Lösungsvorschläge und keine pädagogischen Handreichungen. Er ist erfolgreich dort, wo er die Ambivalenz zwischen Schutz und Freiheit, zwischen Erschöpfung der Erzieherinnen und der Sehnsucht der Jugendlichen stehen lässt.

Am Ende bleiben vor allem die seltenen Momente der Freiheit hängen: Wenn gelacht, getanzt oder gerannt wird, bricht die Enge der Institution für kurze Augenblicke auf. Es ist ein „fast normales Leben“. Für einen Moment.


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