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Ein Sternenhimmel, man schwebt durch den Raum. Den Weltraum. Anfang und Ende gleichen sich, in diesem Werk von Lynch, David. Ein Möbius-Band? Nein, diesmal nicht. Es ist nicht der Film der großen Rätsel, nicht einmal der kleinen. Ein pittoreskes Artefakt, vielleicht so etwas wie eine Yoga-Sitzung, ein Innehalten. Denn filmographisch gesehen befinden wir uns in einer Umklammerung. Mittendrin zwischen "Lost Highway" und "Mulholland Drive", wie im windstillen Auge eines Surrealismushurrikans. Nichts muss man entschlüsseln hier. Wir sehen Abseitiges aus dem Opus des Abseitigen und damit: Rationales.

Also: Keine Labyrinthe, keine Hieroglyphen. Die drückende Schläfen verursachenden Abstiege in die Wirrungen der menschlichen Psyche sind einer allumfassenden Befreitheit gewichen. Für den Augenblick dieses Filmes haben sich die doppelten Böden aufgelöst, freilich, poetische Aufladung ist verblieben. Entledigt hat sich die Komposition von ihren dunklen Tönen und codierenden Schleiern. Es ist dieses Werk, das mit einer außerordentlichen Klarheit in seiner Symbolik erzählt. Die Nachricht eines Schlaganfalls wird mit Blitz und Donner empfangen, die Erinnerung an einen schicksalhaften Brand im starren Blick auf ein Lagerfeuer augenfällig illustriert. Mit dieser Bestimmtheit sprach das Bild bei Lynch selten. Genossen werden kann nunmehr eine unikale Kunst der Sinnesstimulierung, ohne befürchten zu müssen, der Verstörung anheim zu fallen. Zweifellos vermag ein David Lynch geistig erheblich fordernder zu sein, doch erreicht jenes dargebotene Spektrum seiner Klaviatur ein solch erhabenes Maß an Virtuosität und Hingabe, dass auch dieser Film zweifellos ein Meisterstück bildet.

Mit anderen Worten: „The Straight Story“ gibt formal, was das Kino zu geben imstande ist: vollkommene Audiovisualität und, natürlich ebenso, audiovisuelle Vollkommenheit. Wir hören rührende Musik, von Angelo Badalamenti stammt sie, die sich irgendwo bewegt zwischen tiefer Melancholie und hypnotischer Seligkeit. Und wir sehen zirpende Bilder, die sich allzu gerne im Schwärmen verlieren. Ein Panorama blendet sanft in ein anderes. Meditativ gleitet dabei das Auge der Kamera wie ein Vogel über die von Getreidefeldern übersäten Weiten. Mitten in ihnen oft am Arbeiten: eine Mähmaschine. Auf weiter Flur, so einsam und wunderbar. Für den Augenblick möchte man ein Mähmaschinenführer sein. Golden ist dann die Farbe der Geborgenheit, in der alles Urbane fern scheint, fern ist. Zärtlichkeit. Vertrautheit.

Auf einer letzten großen Reise. Es ist die des nicht nur an der Hüfte leidenden Alvin Straight. 73 Jahre ist er alt. Richard Farnsworth, ihn verkörpernd, überragt mit greiser Anmut, vielleicht deshalb so sehr, weil dieser Alvin Straight ihm doch sehr nahe war. Ein schwacher Körper scheint einen schwachen Körper zu spielen. Die Hüfte kaputt, die Augen zu schwach. Zu schwach, um ein Auto zu steuern. Alvin Straight ist ein Cowboy im Spätherbst seines Lebens, ein introvertierter und ein dickköpfiger und ein zielstrebiger und ein wehmütiger auch. Denn was das Schlimmste sei am Altwerden, wird er in geselliger Runde gefragt? „Die Erinnerung an die Jugend.“ Ab diesem Punkt ist alles gesagt.

Der zur Versöhnung mit dem Bruder führende Weg selbst ist Versöhnung. Ein Bruder ist ein Bruder; geschlichtet schon ist der Streit, als der Entschluss für das Abenteuer fällt, längst versöhnt die Geschwisterseele. Der Friede ist mit sich selbst zu schließen auf dem Weg, der - es klingt wie eine, aber ist doch keine Phrase hier - ja der das Ziel selbst ist. Es ist das Ankommen, das Erreichen, das Hin-Gelangen, das Zuende-Bringen. Dafür geht es auf die Straße. Das Weg-Motiv also, das dem surrealen filmographisch Umklammernden übrigens nicht fremd ist. Das Road Movie jedoch ist seiner Wildheit beraubt, weil das Altsein eine entsprechend allegorisierende Geschwindigkeit postuliert.

Der Clou nun: Auf einem dieser Rasenmähertraktoren, jenen für die großen Grundstücke, wird sich fortbewegt, über hunderte Kilometer. Im Schritttempo natürlich, die Maschine ist unfrisiert. Ein Eichhörnchen könnte sich nicht mühsamer ernähren; und doch, es ernährt sich. Es kommt voran, wie eben ein Alter auf Krücken. Der Blick richtet sich auf Asphalt, dessen Poren erkennbar bleiben. Für den Lynch-Fan immerhin: Bizarres am Wegesrand, verschrobene Gestalten - mitunter ein zänkisches Zwillingspaar, eine aufgedrehte Frau, die in sieben Wochen dreizehn Hirsche überfahren hat („Wo kommen die bloß immer her?“) -, aber auch sie bringen dieses Werk nicht aus der Ruhe. Es ist der Harmonie ganz und gar erlegen. Im turbulenten und aufregenden Kinoalltag kann man sie nicht genug wertschätzen, diese gelösten Filme, in denen man das Gras noch wachsen hört.

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