Der 73-jährige Alvin Straight ist ein Dickkopf und bei schlechter Gesundheit. Die Hüfte macht ihm zu schaffen, er sieht nicht mehr gut und benötigt zwei Gehstöcke, um sich überhaupt noch per Pedes fortzubewegen. Mit seiner "langsamen" Tochter Rose (Sissy Spacek) lebt er in einem beschaulichen Kaff in Iowa, als ihn ein Anruf erreicht, dass sein Bruder Lyle (Harry Dean Stanton), mit dem er seit einem Streit vor 10 Jahren keinen Kontakt mehr hat, einen Schlaganfall hatte. In Ermangelung eines Führerscheins macht Alvin sich mit einem motorisierten Rasenmäher und einem Anhänger auf den Weg ins über 500 km entfernte Wisconsin, um mit seinem Bruder Frieden zu schließen.
David Lynch liefert hier einen der bemerkenswertesten und wohl langsamsten Filme der letzten Dekade ab. Ganz im Stil eines Clint Eastwood liefert er in malerischen Bildern und langsamen Schnitten bestes Erzählkino ab. Selbst die Musik könnte in ihrer Schlichtheit einem späten Eastwood-Werk entsprungen sein.
Schnörkellos und trocken entspinnt Lynch die Geschichte einer außergewöhnlichen Tour, die in ihrem langsamen Erzähltempo wunderbar des sich nur mit knapp erhöhter Schrittgeschwindigkeit fortbewegenden Rasenmähers entspricht. "The Straight Story" ist somit auf keinen Fall ein Film für ungeduldige oder überzogene Dramatik erwartende Gemüter. Fast möchte man sagen, der Film sei schlicht, wären die Geschichte und deren cineastische Umsetzung nicht von nahezu poetischer Schönheit.
Zudem überzeugt Lynch mit ungewohnten Perspektiven - so etwa mit Totalen, die auch das in der Entfernung gesprochene Wort kaum hörbar lassen. Was zunächst irritiert, passt bald hervorragend mit der gesamten Machart des Films zusammen.
Auch die schauspielerischen Leistungen sind durch die Bank überzeugend. Richard Farnsworth gibt den eigensinnigen (aber niemals übertrieben kauzigen) Alvin überzeugend und mit viel Minenspiel, ohne dabei je ins Overacting abzudriften. Auch Sissy Spacek agiert gewohnt souverän, ebenso wie die vielen Nebenrollen durch die Bank hinweg zu überzeugen wissen. Das größte Lob möchte ich an dieser Stelle jedoch Harry Dean Stanton aussprechen, der erst ganz am Schluss auftreten darf, dafür in seinen knapp zwei Minuten Leinwandpräsenz und vielleicht zwanzig gesprochenen Worten zeigt, was einen gereiften Charakterdarsteller ausmacht. Für mich, trotz der Kürze, so ziemlich seine beste Leistung bislang.
Fazit: Endlich mal wieder großes (oder besser gesagt, großartiges kleines) Erzählkino.
9/10