Ein bezauberndes Roadmovie über das Leben, über Familie, über die kleinen Dinge im Leben, die so fundamental sind, das man sie manchmal aus dem Auge verliert.
Nicht aber Alvin Straight, der sich mit einem Rasenmäher quer durch den amerikanischen Mittleren Westen auf die Reise machte, um seinen kranken Bruder in Wisconsin zu besuchen.
Alvin Straight, sensationell gespielt von Richard Farnsworth, ist ein Optimist und liebenswürdiger Dickschädel, dessen Lebensschicksale einfühlsam von David Lynch mit jeder neuen Begegnung auf seiner Reise in Erscheinung treten.
"The Straight Story" ist ein Film mit einem Blick für das alltägliche Leben, ein Film, der das oftmals als belanglos verklärte in den Mittelpunkt rückt und ihm die Zeit und den Raum widmet, das es eigentlich verdient. Die Gespräche mit Alvin berichten vom Älterwerden, von Geschwisterproblemen, dem Krieg, Ängsten und Träumen. Alvin veranschaulicht in Gleichnissen, deren elementare Bildteile universellen Charakter besitzen.
Die Menschen, denen Alvin auf seiner Fahrt begegnet, stehen Synonym für die Wärme, Weite und die Hoffnung des Mittleren Westens und all dem, für das er in der historischen Tradition Amerikas steht.
Ohne jeden Kitsch entwickelt Lynch so eine Poesie des Banalen mit dem sensiblen Gespür für das Leben und maximaler Hingabe zu seinen Figuren. Es spricht ohnehin sehr für Lynch als Filmemacher, dass er zugunsten der Story und des, diesmal nicht von ihm verfassten Drehbuchs, von seiner ursprünglichen Machart zurücktritt und durch eine deutlich konventionellere Herangehensweise einen für seine Verhältnisse sehr gewagten Film arrangiert. Dennoch gibt es auch hier Lynch-typische Momente. Besonders herauszustellen ist auch die Figur der Rose, Alvins Tochter, eindrucksvoll verkörpert von Horrorikone Sissy Spacek ("Carrie"). Ihr vielschichtiger Charakter gibt dem Film und dem Leben des Alvin sowohl emotional, als auch erzähltechnisch einen empfindsamen Rahmen.
Ein grandioser Soundtrack und herrliche Landschaftsaufnahmen der Erntezeit unterstützen die prägnanten, beseelten Dialoge und die Auseinandersetzung mit ihnen - und entwickeln einen wundervollen Film, dessen angenehmes Tempo den Zuschauer zu sich zurückkehren lässt, auf der Suche nach den kleinen Fragen im Leben, auf dem Weg des Älterwerdens, auf der Suche nach dem Glück, ob auf einem kleinen Rasenmäher an der Grenze Iowas, oder der heimischen Fernsehcouch in Köln.
10/10