Eine Insel mit zwei Schergen
Jeder der schonmal fiese Arbeitskollegen oder gar einen Chef (wortwörtlich!) zum Kotzen hatte, weiß, dass dies eine enorm belastende, ätzende und auf Dauer kaum aushaltbare Situation ist. Das macht traurig, das macht krank, das ist vollkommen unnötig, das macht auch wütend. Und genau eine solche Situation stilisiert kein Geringerer als Sam Raimi hoch zu einem schwarzhumorigen Psychothriller über einen Machochef und seine Graue-Maus-Angestellte, deren Verhältnis und Machtkonstellation sich gehörig drehen als die beiden nach einem wilden Flugzeugabsturz auf einer einsamen Insel im thailändischen Meer stranden und zu zweit überleben müssen…
Machtspielchen unter Palmen
Als ob Sam Raimi etwas zu viel „Survivor“ oder die letzte Stunde von „Triangle of Sadness“ geguckt hat, steckt er hier seine verspielt-blutigen Pfade sehr geschickt und fun ab. Simpel, sonnig, saftig. Seine beiden Stars haben eine exzellente Chemie, sind sehr gegensätzlich und werden erstaunlich nie langweilig. Die Insel hat ein paar echt fiese Tücken und Tiere. Der Flugzeugabsturz mitsamt Gore galore und perfektem (Comedy-)Timing in der ersten Viertelstunde ist jetzt schon ein Jahreshighlight des schwarzen Humors. Danny Elfmans Score untermalt alles auch musikalisch mit einem abgründigen Augenzwinkern. Und wie zu erwarten geht „Send Help“ auch was das Gekröse und Gematsche angeht gehörig in die Vollen wenn er kann, darf oder gar muss. Einige Verschiebungen der Macht und Klischeeverhaltensweisen auf der Insel von beiden (!) überraschen kaum und zu viel CGI entschärft einiges von den härteren Parts. Da hätte ich gerade von Raimi mehr Handfestes und Praktisches erwartet. Aber ein fettes Grinsen haben mir Wildschweinmassaker, Flugzeugabsturz und Co. trotz Pixelbrei dennoch ins Gesicht gezaubert. Raimis (tolle!) Marotten sind klar zu erkennen. Wer seinen Humor mag ist hier goldrichtig. In den ersten Minuten gibt’s eine sehr süße Hommage an einen alten Freund von ihm und von uns (im Hintergrund an der Bürowand). Insgesamt ist „Send Help“ nichts super Besonderes und wirklich Unerwartbares, Unfassbares oder gar Übernatürliches sollte man auf dieser Insel ganz und gar nicht erwarten. So deutlich über 100 Minuten hätte's für mich nicht unbedingt laufen müssen. Aber O'Brian und McAdams halten einen auch so locker auf Trab mit Psychospielchen, Survivaltipps und Überlebebskampf bis auf die Knochen! Und seinen ganz besonderen Geschmack hat Raimi immer noch klar und deutlich. Und auf den will ich ungern verzichten.
Kokosnüsse & Blutergüsse
Fazit: Typisch Raimi. Spaßiger und augenzwinkernder Survivalkampf mit zwei großartigen Leads, top Tempo, etwas Gesafte und erwartbaren Machtspielchen. Manch ein CGI-Trick geht in die Hose, doch die meiste Zeit ist das eine feine, fightende und feixende Farce!