Im Jahr 2023 lebten in Deutschland rund 1,7 Millionen alleinerziehende Elternteile – dsas sind etwa 20 Prozent aller Familien mit Kindern. Zehn von ihnen rückt die Filmemacherin Anna Hepp in ihrem Dokumentarfilm Die Solisten ins Zentrum. Acht Frauen und zwei Männer, eine Verteilung, die ziemlich genau der gesellschaftlichen Realität entspricht, erzählen von ihren Erfahrungen. Hepp versammelt sie in einer leeren Fabrikhalle, wo sie einzeln direkt in die Kamera, in Dialogen oder in wechselnden Gruppenkonstellationen miteinander sprechen. Die Gründe, warum die Protagonistinnen und Protagonisten alleinerziehend sind oder waren, sind so vielfältig wie ihre Haltungen dazu. Doch Die Solisten belässt es nicht bei diesen Gesprächen. Immer wieder nutzen die Beteiligten die Industrieruine für choreografierte Bewegungen, performative Begegnungen, therapeutisch anmutende Tanzsequenzen, deren Sinn sich jedoch leider nicht immer erschließt.
Fotografische Wurzeln
Anna Hepp kommt ursprünglich aus der Fotografie, absolvierte nach einem Studium der Philosophie und Pädagogik eine diesbezügliche Ausbildung, bevor sie an der Kölner Kunsthochschule für Medien Film und Kunst studierte. Diese Biografie ist dem Film deutlich anzumerken. Die Bilder sind streng komponiert, die Positionierung der Körper im Raum folgt einer klaren, fast fotografischen Logik. Das ist durchweg schön anzusehen. Auch die wortlosen Performances – ob solo, in kleinen Gruppen oder im Kollektiv – entfalten eine starke visuelle Wirkung.
Nur stellt sich, wie schon in Hepps vorherigem Film 800 Mal einsam – Ein Tag mit dem Filmemacher Edgar Reitz, die Frage: Wozu das alles? Denn diese ästhetischen Setzungen lenken vom eigentlichen Thema eher ab, als dass sie es vertiefen. Dabei ist Hepps Anliegen ein erklärtermaßen gesellschaftspolitisches. Sie wolle, so sagt sie selbst, mit dem Film dazu beitragen, den Blick auf Alleinerziehende zu verändern, deren Wahrnehmung nach wie vor von negativen Stereotypen geprägt sei. Hört man den Protagonistinnen und Protagonisten zu, kann man dieser Diagnose nur zustimmen. Umso bedauerlicher ist es, dass der bewusst gewählte „essayistische, verspielte Stil, subjektiv, künstlerisch offen und zugleich politisch“ (Hepp), dem Film ein gutes Stück seiner gesellschaftlichen Schlagkraft nimmt. Die Form dominiert zu oft den Inhalt.
Ablenkung vom Wesentlichen
Auch der durchaus kluge Kunstgriff, eine „Stimme des Volkes“ einzuführen, kann das nur bedingt auffangen. Der Opernsänger Thilo Dahlmann singt zunächst aus dem Off, am Ende dann während eines gemeinsamen Tanzes, gängige Vorurteile über Alleinerziehende. Das erinnert an den Chor des antiken Theaters und kommentiert das Geschehen mit ironischer Distanz. Bis zu einem gewissen Grad verleiht das den Performances Sinn – lenkt aber letztlich ebenfalls von den wirklich interessanten Aspekten ab.
Denn man würde gerne mehr erfahren: mehr von den individuellen Lebensgeschichten, mehr von den konkreten Herausforderungen des Alleinerziehens. Stattdessen bleiben es Schlaglichter. Besonders auffällig ist dabei ein großes Leerfeld: das Thema Geld. Laut der Bertelsmann-Stiftung galten 2024 rund 41 Prozent der Alleinerziehenden als armutsgefährdet. In Die Solisten spielt diese Realität keine Rolle. Entweder ist die Auswahl der Protagonistinnen und Protagonisten nicht repräsentativ – oder das Thema war für Hepp schlicht nicht relevant. Beides hinterlässt eine spürbare Leerstelle.
Am stärksten ist der Film immer dann, wenn er genau das tut, was er eigentlich verspricht: zuhören. Wenn die Beteiligten von ihren Erfahrungen berichten, wenn Ideen entstehen wie die von „Alleinerziehendenhäusern“ nach dem Vorbild von Mehrgenerationenprojekten. Von diesen konkreten, konstruktiven Gedanken und von den individuellen Geschichten hätte man gerne deutlich mehr gesehen – und dafür eine Performance weniger, die etwas zu sehr nach ästhetischem Selbstzweck wirkt.
Fazit:
„Die Solisten überzeugt visuell und konzeptionell, verschenkt aber viel von seinem gesellschaftlichen Potenzial. Wo Anna Hepp zuhört, wird der Film stark; wo Performances und ästhetische Konzepte dominieren, verdrängen sie die drängenden Realitäten des Alleinerziehens.“