Review

Samson und der Heiler

Im Grunde war ich vor „28 Years Later: The Bone Temple“ kurz davor zu sagen, dass für mich dieses Franchise eines der überschätztesten überhaupt des Horrorgenres ist. Das Original war ein Gamechanger und ist noch immer mega intensiv, rau, besonders. Doch alles was danach kam war massiv unterbelichtet und überbewertet, für mich kaum die Rede wert. Vor allem der letztjährige Ableger von Danny Boyle höchstpersönlich hat mich enorm enttäuscht bis aufgeregt. Doch nun widersetzt sich Nia DaCosta diesem persönlichen Eindruck von mir und Franchisetrend, wenn sie direkt an den Vorgänger ansetzt, erneut in den „Knochentempel“ einlädt, die sektenartigen „Jimmys“ besser vorstellt und ein neues, ungewöhnliches „Traumpaar“ zwischen Virus und Vision einführt… 

Haarrisse und Rückgrat

Danny Boyle kann Nia DaCosta persönlich danken, denn sie baut diesen „Bone Temple“ endlich auf, wie es ihm gebührt. Diesen Mittelteil der neuen Trilogie ihr zu überlassen, ist Gold wert. „28 Years Later II“ ist kompakter, klarer und kantiger als sein viel bemühterer und behäbigerer Vorgänger. Die Themen zwischen Natur und Tod werden deutlich abgegrenzt und vorgetragen. Die Jimmys springen nicht durch's Bild wie die Power Rangers (obwohl sie auf die Teletubbies stehen). Die Songs von Duran Duran und Co. sind fein. Das Tempo ist höher. Das Herz des Films - Samson & der Doktor - ist intakt und ungewöhnlich kräftig am pochen. Ralph Fiennes liefert einen Tanz für die Ewigkeit, feurig und famos! Und dass Jack O'Connell Psychopath und Bösewicht kann, wissen Kenner nicht erst seit „Sinners“ letztes Jahr. Und all das kommt dann zu einem pfeilschnellen und wohltemperierten Cocktail zusammen, der wie gesagt Boyles letztjährigen „Restart“ alt aussehen lässt und vieles konsequent geraderückt, erklärt, verdeutlicht, konzentriert. Muss man sich jetzt Gedanken machen, dass er für den mittlerweile freigegebenen dritten(/fünften) Teil wieder auf dem Chefsessel Platz nimmt?! Nein, denn auch „The Bone Temple“ ist sicher nicht perfekt und es ist noch genug Spielraum nach oben. Etwas mau finde ich z.B. wie generell wiedergekaut und austauschbar einige Motive und Themen von Romero („Day of the Dead“) und Kirkman („The Walking Dead“) benutzt und nur minimal weiterentwickelt, abgewandelt, gekippt werden. Oder dass selbst hier nie mehr diese Intensität und Spannung und Dreckigkeit aus „28 Days Later“ aufgebaut werden kann. Oder wie lahm Spike, die junge Hauptfigur aus dem direkten Vorgänger, nun auf der Stelle tritt und degradiert wird. Deswegen bieten sich auch Boyle sicher noch Platz, Ideen, Möglichkeiten. Aber er hat nun definitiv eine andere Messlatte zu überspringen und wird mit strengeren Augen gesehen… Nia DaCosta hat ihre Hausaufgaben jedenfalls mit Bravour erledigt! 

Sie haben uns… ein Denkmal (aus Knochen) gebaut! 

Fazit: Sieh an, sieh an… Der beste, kompakteste, intensivste „28… Later“ seit dem Original… Okay, das heisst nicht die Welt. Trotzdem: Nia DaCosta hat für mich das Franchise wieder in solide Bahnen befördert, es sogar wahrscheinlich gerettet und ziemlich würzig gekocht - mit beängstigend starker Hilfe ihrer teuflisch guten Souschefs Fiennes und O'Connell! 

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