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„Let‘s turn this thing up to eleven!“

Der junge Spike (Alfie Williams) kann einem wirklich leid tun. Zu Beginn des ersten Teils der 28 YEARS LATER Trilogie zwang ihn sein fordernder Vater zu einem Initiationsritus in Form seines ersten Infiziertenkills. Zu Beginn dieses zweiten Teils steht schon wieder ein blutiges Ritual an, wenn Spike um Leben und Tod gegen ein Bandenmitglied der „Jimmys“ kämpfen muss. Ob, bzw. wie der verängstigte Zwölfjährige diese Aufnahmeprüfung besteht, gehört zu den ersten wirklich beklemmenden Momenten dieses Films. 

Wir erinnern uns: Im Vorgängerfilm verließ Spike mit seiner schwerkranken Mutter die einigermaßen geschützte Heimatinsel, verlor im Laufe des Films sozusagen seine Familie, lernte den entrückten Dr. Kelson und sein „Beinhaus“ kennen und hatte sich gerade auf einen einsamen Überlebenskampf eingestellt, als er unvermittelt einer Gang von akrobatischen Zombiekillern in Trainingsanzügen und blonden Perücken über den Weg läuft – den „Jimmys“. 

Wer sich etwas mit britischer Popkultur oder True Crime auskennt (bzw. entsprechend recherchiert hat), wird hier unschwer den legendären BBC-Moderator Jimmy Savile als Vorbild erkennen, der wegen mehrfachem Kindesmissbrauch als schlimmster Sexualverbrecher des Landes in die Geschichte einging. 

Allerdings huldigen „Sir Jimmy Crystal“ (dezent diabolisch: Jack O’Connell, SINNERS) und seine „Fingers“ nicht Savile sondern Satan (gut, und den Teletubbies) und ziehen durch die Lande, um im Stil von Alex und seinen Droogs aus A CLOCKWORK ORANGE den verbliebenen Bewohnern ihre ganz besondere Form von „Charity“ zuteil werden zu lassen. Auch diese beinhaltet verschiedene Rituale wie beispielsweise das „removal of the shirt“, eine besonders grausige Folter, mit der THE BONE TEMPLE auch ganz ohne viele blutrünstige Zombieattacken zum bislang grausamsten Beitrag der Reihe aufsteigt. 

Eine diametral entgegengesetzte Form der Nächstenliebe übt in seiner Gebeinstätte währenddessen Dr. Kelson (fantastisch charismatisch: Ralph Fiennes) aus. Seine Bemühungen, den Infizierten-Alpha „Samson“ (Chi Lewis-Parry) zu zähmen, scheinen Früchte zu tragen und die besondere Beziehung zwischen dem besonnenen Arzt und dem hünenhaften Zombie sorgt für einige überraschend poetische und emotionale Momente des Films sowie für wesentliche neue Aspekte im Zombiegenre. 

Als die Jimmys auf ihren Streifzügen den Bone Temple entdecken und in dem jodgetränkten Kelson ihren angebeteten „Old Nick“, den Satan persönlich, wähnen, wird eine Kollision der Welten und Werte unvermeidlich. 

Regisseurin Nia DaCosta, die hier den Mittelteil der Trilogie von Danny Boyle übernimmt, weist bislang eine (diplomatisch ausgedrückt) eher mittelmäßige Filmographie vor. Neben dem visuell starken aber ansonsten enttäuschenden CANDYMAN Remake geht mit THE MARVELS auch einer der am wenigsten geliebten Superheldenfilme des MCU auf ihre Kosten. Dieser Hintergrund sowie das Gaga-Ende von Teil eins ließen einige Fans und Kritiker nicht gerade mit freudiger Erwartung auf diesen Film schauen. 

Doch THE BONE TEMPLE ist im Vergleich zu Boyles etwas artifiziellem Coming of Age-Survival-Drama nicht nur der interessantere Film, es ist auch der wohl beste Film der Reihe nach dem Original (und: die Geschmäcker sind verschieden). Viel Story hat Alex Garland hier nicht ins Drehbuch geschrieben, aber einige Szenen, die wahrscheinlich noch lange im Gedächtnis bleiben werden, ein Blutbad in einer Scheune, ein Tanz auf der Wiese, eine zerdrückte Brombeere, eine Höllenperformance zu Iron Maiden. 

Der Film ist sehr straight inszeniert, lässt jedoch insbesondere in den Szenen im titelgebenden Bone Temple ausreichend Zeit zum Atmen. Man könnte Kelson sogar noch länger bei der Verrichtung seines Verbrennungsrituals zusehen, leise Duran Duran vor sich hinsingend. Und obwohl die beiden Lager – Jimmys hier, Kelson da – von Anfang an klar sind, ist und bleibt THE BONE TEMPLE die ganze Zeit unberechenbar, präsentiert immer wieder Szenarien oder Momente, die einem ein breites Grinsen ins Gesicht zaubern – oder ein mulmiges Gefühl im Magen. 

Wenn am Ende nochmal eine unverhoffte Überraschung gelingt und zum Abspann das Thema aus 28 DAYS LATER wummert, stellt sich unmittelbar eine Gänsehaut ein und man möchte am liebsten sofort den nächsten Teil dieser Saga sehen. Howzat?!

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