Review

Von "Wow, wie cool!" zu "Nein, wie hohl!"

Das Gute zuallererst:

Die Bilder sehen fantastisch aus, endlich mal wieder gefilmt on Location in L.A., kein Studio-CGI-Murks, tolle und atmosphärische Beleuchtung, da werden Erinnerungen an "Collateral" wach!

Einige weniger schöne Parallelen gibt es leider auch, doch dazu später.

Von der niedrigen FSK-12-Freigabe braucht man sich nicht abschrecken zu lassen - wenn ein Film in den USA trotz ausbleibendem Gemetzel R-Rated ist, kann man meist davon ausgehen, dass die Macher ihre Ideen vor den Kommerz stellten.

Die Schauspieler, allen voran Halle Berry und Mark Ruffalo, spielen so glaubwürdig die kleinste Mimik und Gestik wie selten zuvor gesehen.

Ob Kränkung und Enttäuschung, unbeholfenes Vorspielen von oberflächlichem Witz und Umgarnungsversuchen zum guten Verkaufsabschluss – alles wirkt echt und ungekünstelt.

Auch eine Verfolgungsjagd als Actionhöhepunkt weiß durch Choreografie und Ausführung sehr zu gefallen und auch die gesamte musikalische Begleitung trägt ihr Übriges dazu bei, froh zu sein, dass man den Film im Kino schaut und nicht per Stream am TV.

Also alles gut, endlich mal wieder ein toll gemachter, bodenständiger Thriller ohne Bombastambitionen?

Ja, das positive Gefühl hatte ich während des Filmes; sämtliche Merkwürdigkeiten wurden durch Wunschdenken und dem „Suspension Of Disbelief“, also dem Ausblenden klarer Unglaubwürdiger Handlungen oder Situationen unterdrückt.

Leider hat schon die erste handwerkliche Unsauberkeit gezeigt, dass man hier tatsächlich besser nicht zu genau hinschaut.

In absolut jedem Auto wurden die Kopfstützen ausgebaut – ein Trick, um mit der Kamera von der Rückbank aus die Schauspieler filmen zu können.

Blöd nur, wenn man die Rückenlehnen samt der nun leeren Öffnungen, in denen die Kopfstützen normalerweise stecken, stets auch im Bild lässt.

Wenn es einem erstmal aufgefallen ist, reißt es ähnlich effektiv aus der Illusion des Filmes wie ein Mikrofon, das von oben ins Bild baumelt.

Schwerer wiegen aber die vollkommen abwegigen Handlungen der Akteure und deren (ausbleibende) Konsequenzen.

Ein paar Beispiele in nicht chronologischer Reihenfolge:

- In episch langen und wunderschönen Einstellungen aus der Vogelperspektive werden die zig-spurigen Freeways am Rande L.A.s gezeigt, auf denen sich nur im Schneckentempo teils geradeso noch fließend endlose Schlangen von Autos voranschieben.

Aber ausgerechnet zum Zeitpunkt einer Entführung ist auf der Auffahrt zu besagtem Freeway praktischerweise kein einziges unbeteiligtes Auto weit und breit?

- Man schabt sich die halbe Haut wund, um auch das letzte Schüppchen zu entfernen, das vor Ort eine DNA-Spur hinterlassen könnte, fährt sich aber dennoch mit den Händen durch die immer noch volle Haarpracht und zieht sich während des großen Coups eine Woll-Skimütze auf und ab, die garantiert das ein oder andere Haar oder sonstige körpereigenen Partikel abschabt?

- Bei der Autoverfolgungsjagd werden rücksichtslos übelste und potentiell tödliche Unfälle nicht nur in Kauf genommen, sondern auch tatsächlich hervorgerufen. Sieht so das ehern befolgte Gesetz der absoluten Gewaltfreiheit aus?

- Ausgerechnet bei einem ganz dicken Überfall wird gar komplett auf jegliche Maskierung verzichtet und ganz gemütlich durch die Gänge eines Nobelhotels gelatscht, ungerührt der zu erwarteten Videoüberwachung, während bei einem anderen Coup in irgendeinem Hinterhof vorbereitend bei der wohl einzigen Videokamera weit und breit das Kabel gekappt wird, obwohl man da aber maskiert auftritt?

- Als Polizistenduett kann man wohl schonmal einfach einem am helllichten Tag erschossenen Opfer eine eigene Knarre in die Hand drücken, ohne eigene DNA-Spuren vorher zu beseitigen. Bei der Forensik wird aber längst jegliche Möglichkeit nachgestellt, wer in welcher Griffhaltung schonmal eine beteiligte Waffe in der Hand hatte. Das würde den Polizisten, der die Waffe als die des Opfers in dessen tote Hand legte, wohl später in nicht zu geringe Erklärungsnot bringen. Aber egal, Ermittlungen gibt’s hier wohl nicht.

Auch ein hochrangiger Polizeichef verbietet mal so eben einem Mitarbeiter, der Meldung über so einen Akt macht, den Mund und hat wohl absolut keine Sorge, dass der Untergebene vor Gericht dann doch die Wahrheit sagen wird?

- Ein Polizist sagt einem Verbrecher, der ihm gerade noch die Waffe vors Gesicht gehalten hat, er könne einfach gehen, nur aus Sympathie und der langen Zeit, die sie unbekannterweise miteinander verbracht haben – er als Ermittler, der andere als Phantomräuber.

Merkwürdig nur, dass gerade dieses Phantom dem Ermittler bereits seine ganze Karriere versaut hat, er im ganzen Polizeikörper nur noch als paranoid gescheiterte Existenz angesehen wird, die Krampfhaft versucht, ein Phantom, an das niemand glaubt, zu überführen und seine Besessenheit damit zu bestätigen.

Und genau diesen Menschen, den lässt er nach kürzestem Kennenlernen laufen?

- Achja, zu erwähnen sei, dass in der Situation auch noch Schüsse fallen und es einen Toten gibt.

Dass man den Zeugen der ganzen Angelegenheit dann auch einfach sagt „Wenn die Kollegen der Polizei gleich auftauchen, hört ihr einfach zu, welche Geschichte ich erzähle, das ist dann auch die, die ihr dann berichtet“.

Getrennte Zeugenvernehmung, Kreuzverhör und detaillierteste Hinterfragung spätestens beim zwangsläufig nach Ereignissen mit tödlichen Schüssen durchgeführten Verfahren sind scheinbar kein zu berücksichtigendes Risiko

- Ein vom Verbrecher dem Ermittler geschenktes, absolut perfekt restauriertes Pony-Car weckt sicher auch keinerlei Neugier, obwohl der Ermittler ausgerechnet dafür bekannt ist, seinen Kollegen sein völlig heruntergekommenes Auto unrestauriert als das höchste der Gefühle zu verkaufen. Diese Erklärung ist sogar extra noch als bedeutungsschwangere Szene mit eingebaut, um den bescheidenen Charakter des Ermittlers dem Zuschauer zu vermitteln

Das sind leider alles keine Nebensächlichkeiten wie fehlende Kopfstützen, sondern Dreh- und Angelpunkte von Story und Handlung.

Damit ist dann auch der eingangs erwähnte Zusammenhang zu Michael Mann’s Pseudomeisterwerk „Collateral“ hergestellt – auch da sind es die Schlüsselszenen, die bei Rekapitulation nach abgeklungenem Geblendetsein durch die atmosphärische Bebilderung L.A.s bei Nacht, ihre haarsträubenden Nachvollziehbarkeitsdefizite zeigen.

Wobei Defizit noch geschönt ist und impliziert, dass zumindest eine funktionierende Basis vorhanden ist, was leider hier wie da eben gerade nicht der Fall ist.

Insofern:

Bei Verlassen des Kinos 7/10

Bei Ankunft zuhause nach 30 Minuten Autofahrt 5/10.

Nach zwei Flaschen Bier und Scheitern an der Mammutaufgabe, sich das Gesehene schönzudenken, bleiben 3/10 übrig.

Von A-Z wurde das Ein-mal-Eins einer glaubwürdigen Story genauso ignoriert wie das 1o1 der gezeigten Kriminalität.

















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