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Emerald Fennells „Wuthering Heights – Sturmhöhe“ als Kino der großen Gefühle

Es gibt Stoffe, die dem Kino gefährlich werden können. Emily Brontës Sturmhöhe gehört dazu: ein Roman wie ein Wetterphänomen, roh, obsessiv, unerquicklich. Wer ihn verfilmt, riskiert entweder museale Ehrfurcht oder melodramatischen Überschwang. Emerald Fennell wählt einen dritten Weg. Ihr „Wuthering Heights – Sturmhöhe“ ist weder staubige Literaturpflege noch bloßes Prestigeprojekt, sondern eine hochästhetisierte, emotionale Neudeutung – selbstbewusst, sinnlich, manchmal exzessiv, gelegentlich zu sehr in sich selbst verliebt. Aber fast immer: Kino.

Fennell, die sich spätestens mit „Promising Young Woman“ als Autorin mit scharfem Blick für Macht, Begehren und emotionale Gewalt etabliert hat, nähert sich dem Klassiker nicht über Plot, sondern über Gefühl. Hier geht es nicht um gefällige Romantik, sondern um Obsession, Verletzung, Klassenkampf und eine Liebe, die weniger wärmt als verbrennt. Ihr Interesse gilt weniger der erzählerischen Chronologie als der inneren Logik von Leidenschaft – jener zerstörerischen Kraft, die Brontës Roman bis heute so modern erscheinen lässt. Sie destilliert die Essenz: Leidenschaft als Naturgewalt, Liebe als selbstzerstörerischer Sog. Wer hier eine klassisch erzählte, saubere Literaturverfilmung erwartet, wird irritiert sein. Wer bereit ist, sich auf eine freie, viszerale Interpretation einzulassen, erlebt großes Kino. 

Der Einstieg ist schlichtweg brillant. Fennell inszeniert die erste Hälfte des Films mit beeindruckender Sicherheit: dramaturgisch straff, inszenatorisch präzise, getragen von einer Bildsprache, die sofort klarmacht, dass hier nicht Realismus, sondern emotionale Verdichtung das Maß aller Dinge ist. Die Figuren werden wie archaische Kräfte eingeführt, Beziehungen entstehen weniger durch Dialoge als durch Blicke, Gesten, Körperhaltungen. Das ist großes, gefühlvolles Kino, das seine Wirkung nicht aus Handlung, sondern aus Stimmung bezieht – und darin zunächst nahezu unaufhaltsam wirkt.

Sturm, Stil und Sehnsucht

„Wuthering Heights – Sturmhöhe“ ist ein audiovisuelles Erlebnis ersten Ranges. Die Cinematography zelebriert einen klassischen, analogen Filmlook, der sich wohltuend von digitaler Glätte absetzt. Körnung, Kontraste, Licht – alles fühlt sich physisch an. Besonders auffällig – und stilistisch reizvoll – sind die immer wieder eingeschobenen, fast videoclipartigen Sequenzen. Sie brechen den narrativen Fluss, verdichten Emotionen, setzen auf Rhythmus statt Logik. Man kann sie als manieriert empfinden, als selbstverliebt – oder als mutigen Versuch, literarische Leidenschaft in zeitgenössische Bildsprache zu übersetzen. In ihrer besten Form sind sie schlichtweg betörend.

Im Drehbuch allerdings zeigen sich die Risse. So kraftvoll der Film in seinen emotionalen Spitzen ist, so zurückhaltend bleibt er in der Figurenzeichnung. Viele Charaktere bleiben erstaunlich konturlos. Besonders Cathys Ehemann wirkt wie eine dramaturgische Fußnote – funktional, aber ohne Profil. Diese Schwächen machen sich vor allem im dritten Akt bemerkbar. Dramaturgisch fehlt es an Zuspitzung, emotional an Steigerung und hintenraus ist „Sturmhöhe“ schlicht zu lang.

Dass der Film trotz dramaturgischer Schwächen trägt, liegt vor allem an seinem exzellenten Lead-Gespann. Margot Robbie spielt Cathy nicht als romantisierte Heldin, sondern als zutiefst widersprüchliche Figur – verletzlich, grausam, leidenschaftlich, selbstsüchtig. Jacob Elordi überrascht als Heathcliff mit körperlicher Intensität. Er spielt weniger über Sprache als über Haltung, Blick, Präsenz. Heathcliff ist keine klassische Identifikationsfigur, sondern eine Projektionsfläche für obsessive Sehnsucht. Zusammen entwickeln Robbie und Elordi eine explosive Chemie, die den Film emotional trägt – selbst dann, wenn das Drehbuch ins Straucheln gerät.

Fazit

„Wuthering Heights – Sturmhöhe“ ist ein Film, der Stil über Komfort stellt, Emotion über Erklärung, Atmosphäre über psychologische Ausbuchstabierung. Ja, die Figuren bleiben blass, der dritte Akt schwächelt, dramaturgisch wäre weniger mehr gewesen. Doch was bleibt, ist der Eindruck von großem, gefühlvollem Kino – von einem Film, der Bilder findet, wo andere erklären würden. Für die große Leinwand gemacht, für den dunklen Saal, für den Moment, wenn das Licht ausgeht und Gefühle lauter werden als Worte.

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