Sadomasoliebe im Seidenschal
Emily Brontes „Wuthering Heights“ gehört zum literarischen Hochadel und wurde bereits dutzendfach rund um den Globus in allerlei Formen, Farben und Finten verfilmt. Ich habe bei weitem nicht alle Versionen gesehen, halte aber z.B. William Wylers Film von 1939 schwer zu toppen. Nun hat Emerald Fennell von Warner (auch budgetär und vom Aufwand her) scheinbar einen relativen Freifahrtschein für die neueste, extrem aufwändige, sehr lose Verfilmung bekommen, nachdem sie sich mit „Saltburn“ aber vor allem „Promising Young Women“ einige Sporen verdient und gut Kredit aufgebaut hat. Verspielt sie diesen nun abrupt und radikal mit einem pompösen Fehlschlag? Einem Mittelfinger an Leserschaft und Kinozschauer gleichermaßen? Oder ist das gar ein jetzt schon missverstandenes Meisterwerk der Oberfläche und der Körperflüssigkeiten? Wenn sich Margot Robbie und Jacob Elordi als toxische Adoptivgeschwister über Jahrzehnte gleichermaßen anschmachten, ablecken und (seelisch wie körperlich) auffressen…
Anführungszeichen der Arschlöcher
Ungeniert anstrengend. Völlig neben der Buchvorlage. Mit einem zertifizierten Bangersoundtrack. Und dermaßen giftig, gallig und gigantisch aufgetragenen Gefühlen, dass es auch völlig an oder über einem vorbeifliegen kann. An mir ist es das teils leider etwas. Erst recht weil die Hauptfiguren alles andere als sinnvoll handeln und absolut keine Sympathieträger sind. Aber das gehört immerhin etwas zu diesem perversen „Spiel“ der Liebe und Hiebe. Definitiv ein polarisierender Film. Was bei mir grundsätzlich gut ankommt. Und diese Over-The-Top-Hollywoodart der goldenen Epochen von vor fast hundert Jahren mit heutigen Stilpunkten und Möglichkeiten verfeinert… das hat etwas. Eyecandy ist das definitiv in vielerlei Hinsicht. Aber ohne Frage wird Fennell damit auch genug Leuten übel vor den Kopf stoßen. Teils wurde im Kino sogar gelacht in Momenten, die nicht zum Lachen sein sollten - und ich hab's voll und ganz verstanden. „Wuthering Heights“ (2026) ist definitiv ein kleiner Freak von Film. Frankensteinischer, nicht nur durch Elordi, als man meinen könnte. Für die einen ein Unfall. Für die anderen ein Schatz. Für des einen die Königin ist des anderen Dirne. Für mich irgendwo zwischen den Stühlen. Technisch ein klasse Teil und Hansdampf in allen Gassen. Das hat Traktion, das hat Theater, das hat Textur. Emotional ist das jedoch leider dermaßen aufgeladen, überladen, verladen, dass es mir zu drüber wirkte und ich teils leer war, nichts fühlte, sogar abgestoßen wurde. Aber auch das gehört teils zum Konzept. Ein wirklicher Liebesfilm oder zumindest ein klassisch romantischer Film ist das nicht, war die Story nahezu nie. Auch in der Beziehung wird er also viele Dates und Mainstreamerwartungen unterwandern. Was ihn für mich ebenfalls wieder, auch dank seines teils sehr schwarzen Humors, sympathisch und mutig erscheinen lässt. Schade nur, dass er mich so kalt lässt. Und das kann nicht sein Ziel gewesen sein. Erst recht nicht, wenn Emotionen so spürbar fett gedruckt werden. Die ganze Zeit. Überall. Immer und immer und immer wieder. Zu fett scheinbar. Überkandidelt und unterbelichtet. Schmerzhaft leidenschaftlich. Peinlich verplant. Vor allem haben die Vorlage und viele filmische Umsetzungen bisher die dramatischen Liebesquerelen von Cathy und Heathcliff einfach oft mit noch viel mehr unterfüttert und greifbarer, verständlicher gemacht - mit gesellschaftlichen, sozialen sowie zutiefst menschlichen Gründen. In Fennells Version ist das Meiste gefühlt „nur“ auf Leidenschaft, Dummheit und Bosheit der Figuren zurückzuführen. Und auch das kann nicht der Sinn der Sache sein…
Knapp daneben ist auch vorbei… fragt mal den G-Punkt… oder die Klitoris…
Fazit: Audiovisuell ein riesiger Rausch und eine pompöse Ode an die ganz großen Epen, Emotionen, „Ehen“ und Erregungen vergangener Hollywoodtage. Inhaltlich, emotional, logisch aber ein einziger langer Aufreger… Doch ist das in einer aalglatten Zeit heutzutage nicht teils auch etwas Gutes?!