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Wer glaubt, dass das Schülersein auf dem platten Lande ein leichteres als in der Großstadt ist, den weise ich gerne darauf hin, dass während der Rütlijahre nicht nur auf der gleichnamigen Berliner Schule die Hütte brannte: auch bei uns Kleinstädtern kochte es an dem einen oder anderen Lehrinstitut über und man bekam es entweder mit geballter pädagogischer Inkompetenz zu tun oder mit Kampfverbänden sozialer und intellektueller Drittligisten auf Krawallzug. Ja, das Kollegium mochte es anders sehen, aber insgeheim bestand kein Zweifel daran, dass die Kevins und Chantals unserer Schule damals das Ruder in der Hand hatten und geradewegs auf den Eisberg zusteuerten, ohne, dass sich wer drum scherte. Dieser Tage ist man einfach nur froh, dass Kevin und Chantal Niedriglohnjobs und Bewährung im Nacken sei Dank noch nicht mal mehr Zeit und Geld haben, um beim Familienpicknick besoffen Eichhörnchen mit dem Buttermesser zu jagen.

Wenn ich mir dagegen vorstelle, dass bei uns auf dem Schulhof auch nur ansatzweise das Waffenarsenal der "Klasse von 1999" rumgelegen hätte, dann wären wir, die wenigen Freaks zwischen den Fronten, bestenfalls skalpiert statt ungeschoren davongekommen. Genau das ist hier nämlich der Fall: Die Guten, die Bösen, die Hoffnung der Zuschauer auf ein rational greifbares Filmvergnügen, nichts und niemand wir verschont! Die Guten, die Bösen, die Hoffnung der Zuschauer auf ein rational greifbares Filmvergnügen, nichts und niemand wir verschont! Wem die Idee bekannt vorkommt: Regisseur Mark L.Lester recycelt hier mit Hilfe von Drehbuchautorin C. Courtney Joyner sein eigenes klangheimliches Meisterwerk "Die klasse von 1984", wobei er das hauchdünne Tuch der Sozialkritik frisch gewaschen und gebügelt in der Schublade verschwinden lässt, nur um den geistigen Nachfolger mit einem vollgerotzten Taschentuch zu einer etwas anderen Patina zu verhelfen. Dafür tropft aus dem Streifen auch weniger Moralin. Eine weitere positive Änderung: die Pöbelpunks des zweiten Teils sind zur Abwechslung mal die guten, auch wenn der Begriff dehnbarer als dass Allerheiligste von Miss Jones ist. Und die auszulöffelnde Suppe im Endeffekt eine Hausgemachte.

Und dass die zuhause besser schmeckt, daran hat der ehemalige Ganger und Ex - Jugendknastler Corey seine berechtigten Zweifel: Seine Brüder täglich unter Dauerbeschuss mit durchgetretenem Blech durch ein Kriegsgebiet zur Schule kutschieren zu müssen war die vorzeitige Entlassung scheinbar definitiv nicht wert und von Kumpel Mohawk mal abgesehen freut sich kaum einer auf seine Rückkehr.

Beim Versuch, diesen Saustall von Schule auszumisten lässt sich unterdessen Schulleiter Langford vom Wissenschaftler Forrest ein Trio munterer Lehrandroiden aufschwatzen, nichts ahnend, dass die neuen KollegInnen, die der vertrauenswürdige Philanthrop mit dem Rattenschwanzvokuhila bereitwillig an ihn verkaufte, auf Militärsoftware laufen, im wahrsten Sinne des Wortes bis an die Zähne bewaffnet und eher an waidmännisch fachgerechtem Erlegen der Schüler als an ernsthafter Erziehung interessiert sind. Corey und seine Liebste, Rektorentöchterchen Christie haben als Menschen, die am Leben hängen naturgemäß etwas dagegen, dass die ohnehin schon brandgefährliche Schule als Trainingsplatz für KI - gestützte Killermaschinen herhalten muss und setzen sich zur Wehr. Mittels eines Bündnisses verschiedener Gangs und rohester Gewalt. Also genau dem Schmuh, der die Teachernator erst erforderlich machte.

Feuer mit Feuer löschen mag in der Realität ein deutliches Anzeichen von aufblühendem Schwachsinn sein, erweist sich in Lesters und Joyners Filmkosmos allerdings als effektives und durchaus bildgewaltiges Mittel, der Lage Herr zu werden. Amerikaner halt. Dass die gewählten Effekte dabei etwas angestaubt werden schadet dem Film dabei nicht, zumal das Gesamtbild sowieso ein bewusst siffiges ist, dass im Gegensatz zum Vorgänger nicht die hübschen Häuschen Timothy Van Pattens und Perry Kings in den Bildkader schubst, damit dem Zuschauer die Augen nicht vollendst zu blinden Schlitzen zukrusten: Die Welt der "Klasse von 1999" ist trotz neongreller Punkganger und blinkender Hochtechnologie eine trostlose, in der Schüler sich vor dem albjahreszeugnis meucheln und ausgemergelte Gossenmatriarchinnen sich mit ihren eigene Söhnen um den Stoff prügeln.

Auf der Tonspur fällt das Ganze leider etwas einfallsloser aus, vor allem, was musikalische Gäste angeht: hatte zuvor noch Alice Cooper die Ehre, mit "I am the Future" einen heimlichen Kultsong auf der Playlist jedes Grenzcineasten einzusingen und sich den Platz auf dem Soundtrack mit den Punkknarzern Teenage Head und Fear und damit zumindest Szeneprominenz zu teilen, bietet der zweite Teil die damals noch unbekannten (und musikalisch nicht gang ausgereiften) "Head like a Hole" - Eskapaden von Nine Inch Nails sowie Midge Ure als Rausschmeißer für die Credits. Uff! Nichts gegen den alten Ultravoxxer, der Track "Come the Day" ist sogar ein richtiger Ohrwurm im besseren Sinne, der aber besser zum Ende eines tiefgreifenden Sozialdramas gepasst hätte als zu einem dystopischen High School - Actioner, der seinem Publikum noch aus dem Schacht des Videorekorders heraus Prügel androht. Entweder hatten Motörhead an dem Wochenende keine Zeit oder G. G. Allin war den Produzenten zu krass und unbekannt für den Soundtrack. Soll heißen: es hätte bessere Wahlen gegeben

Apropos vertane Chancen, das kann man dem Cast nicht vorwerfen: Die Hauptakteure unter den Schülern kannte und kenne ich allesamt nicht, aber sie machen einen soliden Job gemessen daran, dass Malcolm McDowell, im selben Film ist: alles, was der Mann anfasst wird zu Gold und sei es auch nur eine Nebenrolle wie diese. Stacy Keach als Ekelwissenschaftler Forrest stielt ihm dieses Mal psychomäßig die Show. Und wenn Pam Grier irgendwo am Horizont auftaucht ist sowieso Feierabend: ich kenne sie zwar nur aus diesem Film, aber die Tatsache, dass sie hier für ordentlich Krawall sorgt macht sie mir nur noch sympathischer.

Ja, Herr Lester hat hier gnadenlosen Selbstdiebstahl und Publikumsbeschiss betrieben, da der Film mit Teil 1 so gut wie gar nichts zu tun hat. Was soll's: Der Schmuh unterhält moralfrei und actionreich und das ist gut so. Im Anschluss wurden wir schließlich cineastisch mit ehr als nur einem "Lehrer rettet den Tag" - Filmen zugeschissen und wenn es nicht gerade der krankgeile Capoeirastreifen mit Mark Dacascos war bedeutete das, eine "Dangerous Minds" - mäßige Moralindusche nach der anderen zu nehmen. Macht ohne Kontrastprogramm auf Dauer auch nicht unbedingt glücklich.








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