Review

Die halb vergessenen gruseligen TV-Beiträge unserer Nachbarn von der britischen Insel haben es mir ja schon lange angetan und obwohl ich die meisten schon ausgebuddelt hatte, kommt doch immer mal wieder etwas Neues ans Tageslicht.

Neulich auf Social Media teilte jemand gruselige Kindheitserinnerungen und eine milde Seele zog dann dieses Kaninchen aus dem Hut, „Christmas Spirits“, ein 40minütiges On/Off-Filmchen, welches Granada Television ein einziges Mal ausstrahlte, am Neujahrs Tag 1981 irgendwann zur finsteren Nachtzeit – wie passend, wie trefflich.

Ähnlich wie die hoch angesehen „Ghost Stories for Christmas“; die dank Mark Gatiss ja ein erfolgreiches Revival bei der BBC genießen, griffen die Macher hier nicht zur gefühligen Gruselstory, sondern packen nach einem etwas gesprächigen Start das Publikum direkt bei den Testikeln.

Im Kern geht es um eine robuste Dame aus den good old USA, die als Location Scout für eine Filmgesellschaft arbeitet und für ihr Horrorfilmprojekt das altehrwürdige Anwesen auf dem Ländle sichtet, schön abgelegen und darin ein besitzendes Ehepaar, das wie alle Briten dringlichst monetär Geriebenes für den Unterhalt des alten Kastens benötigt. Dass die Gute aus den Kolonien ganz kurz vor Weihnachten eintrifft, ist nicht von großem Übel, schließlich winken die Scheinchen und so ist man dann auch bereit, den Weihnachtstag zu opfern und mit dem Gast zu feiern.

Eine hauseigene Gruselstory hat man auch noch anzubieten, die Geschichte zweier Geschwister, grausam und verdorben, bei dem der Bruder schließlich der Tochter die Kehle durchschnitt, um sich später selbst zu erhängen, komplett mit sinistrer Gouvernante. Geschehen alles – natürlich – zu Weihnachten vor zweihundert Jahren.

Und als sei das nicht schon schlimm genug, lagern in den betreffenden Räumlichkeiten auch noch drei halb lebensgroße Puppen, die der Kinder und irgendwo im Treppenhaus die der Gouvernante. Dazu passend gibt es noch eine monoton leiernde emotionslos wirkende Haushälterin, deren Stimme hier der größte Horror bis dahin ist.

Das alles erarbeitet man sich in den zwanzig Minuten bis zur Pause und genau an dieser Wassermarke kömmts dann: die Eheleute fahren kurz Verwandte beschenken, die Haushälterin rollt mit dem Fahrrad nach Hause und Location Scout Julia muss für ein paar Stunden allein in der riesigen Bude bleiben, während das Nachmittagslicht schon dahin bricht. Und natürlich klingelt bald darauf das Telefon und kündet von der Autopanne, die Verspätung oder eine Rückkehr am nächsten Tag nach sich zieht.

Ab diesem Moment ist Julia allein...oder eben doch nicht?

Für den Rest des Films, der atmosphärisch tadellos aufgenommen wurde, leistet Elaine Stritch jetzt eine One-Woman-Show allererster Kajüte ab, während sie mit zunehmender Panik feststellen muss, dass irgendjemand die Tür in den sicheren Part des Hauses abgesperrt hat und sie mit Küche, Treppenhaus, oberem Stockwerk und den drei Puppen komplett gefangen ist. Für den Gruselliebhaber ein Fest, denn Stritch garniert ihre nun stumme Rolle mittels ihrer immer panischer werdenden Gedankenspiele, was hier vorgefallen sein könnte. Immer wieder versucht sie sich zu beruhigen und rational zu argumentieren, dann klopft wieder was im Haus, ein Fenster klappert oder auf der Tonspur hört man Kinderlachen.

Wer auch immer also mit „lonely issues“ schon mal im dunklen Wohnzimmer gesessen hat, wird seine wahre Freude haben an der aufkeimenden Hysterie, die durch die Szenerie schwappt.

Und ja, die Autoren gehen in die Vollen und liefern auch in den letzten drei Minuten noch minimum zwei deftige Twists ab, die ich hier natürlich keinesfalls verraten sollen, weil sie jedem Zuschauer den Spaß verderben würden. Aber vom Gas gehen sie dabei nicht.

Heidewitzka, ich versteh es nicht, warum ausgerechnet der quasi unbekannteste unter diesen britischen Gruselperlen die Beste von allen ist, denn die zweite Hälfte wirkt einfach, weil sie an absoluten Urängsten rüttelt, mit gruseligen Puppen in einem kalten Herrenhaus gefangen zu sein. Stritch röhrender Bass kennt keine Verwandten, während sie schreiend immer wieder von einer Räumlichkeit in die andere flüchtet, während man quasi darauf wartet, dass sie diese seelenlosen Puppen von ihrem Sofa erheben (was sie aber nicht tun).

Mir kann man in Sachen Grusel eigentlich nichts mehr, aber die finalen 15 Minuten rühren dermaßen an Urängsten eines noch nicht mit allen Wassern gewaschenen Zehnjährigen, dass man das Endergebnis nicht so schnell wieder vergisst.

Dank irgendeiner treusorgenden Seele mit einem Videorekorder kann man sich diesen Kurzfilm in leider grauenhaft körniger Qualität noch auf Youtube anschauen, doch auch in diesem Zustand kann man seine volle Wirkung noch gut erahnen – und man sollte sich das nicht entgehen lassen. Vielleicht was für das nächste Weihnachtsfest. 8/10

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