Nun ist es also komplett, das Racheepos von der Frau, die auszog, Bill zu töten.
Quentin Tarantino hat die Vision seines vierten Films vollendet, vier Stunden lang, wie passend.
Und der Eindruck, der bleibt, ist Faszination, Überwältigung, Bewunderung. Für die Leistung, für die Dreistigkeit und Chuzpe, die dahintersteckt.
Achtung aber; mit Unterhaltung, Erwartung und Geschmack hat das alles nichts zu tun, das ist eine ganz andere Geschichte.
Was QT hier vollendet hat, ist Kino für Kinoverrückte, nicht für Cineasten. Cineasten lieben und studieren gleichermaßen, Kinoverrückte wissen zu schätzen, wenn man sie einfach versteht. QT ist selbst einer und aus der Leidenschaft hat er einen Film gemacht. Oder bereits mehrere.
„Kill Bill“ ist die Brachialität dieses Prinzips des Filmemachens, in Bilder umgesetzt. Nicht die hohe Kunst, sondern die pure, pariahafte Unterhaltung stand im Vordergrund und die zu schaffen, ihre Dauerhaftigkeit, vermag nur die Zeit an sich.
Somit ist es ein gewaltiges Risiko, aus verschiedenen Jahrzehnten, aus verschiedenen Stilen, Epochen und Genres eine Geschichte zusammenzustricken. Das Potential zu scheitern ist entsprechend hoch, die Historie will verstanden sein.
Die Überzogenheit des Kampfsportfilms der 70er, die schweigsame Unerbittlichkeit des Spaghetti-Westerns, die brachiale Blood and Guts-Maxime des Manga-Asia-Kinos und die klassischen Formeln der brutalen Rächerstory werden somit hier zusammengemischt und ergeben eine bunte, intensive, gleichzeitig gepanschte und höchst instabile Mischung, die erst einmal im Zaum gehalten werden will.
Dazu hat Tarantino seine eigene Struktur entwickelt, die Geschichte in Kapitel gefaßt, den Ablauf der Ereignisse den Erfordernissen der Geschichte untergeordnet und die Figuren stilisiert, übersteigert, vergrößert. Irgendwo zwischen Ikonenhaftigkeit und Absurdität wabern die Braut, Bill, Elle, Budd, Ishii und wie sie alle heißen, hin und her.
Es kann uns gefallen, es muß aber nicht – der Regisseur backt sich hier seinen eigenen Geburtstagskuchen und läßt jeden mitfeiern, der will.
Aber ist alles gelungen, darf man diese Frage stellen? Trotz Faszination, trotz Intensivität? Man darf, denn auch wenn sich beide Filme als Gesamtkunstwerk verstehen, die früher oder später mal in einer Fassung zusammengefaßt werden könnten, müssen sie hier und jetzt für sich bestehen können.
Während der erste Film dabei einen rasanten Stil einschlug, indem nehmen krachig-blutigen Kämpfen die Charaktere auf das Nötigste reduziert wurden, nämlich auf ihre Motivation und die daraus resultierenden Folgen, steht der zweite Film in der Pflicht dem Geschehen Tiefe zu verleihen.
Nicht, daß die Zuschauer dafür Schlange dafür gestanden hätten, aber die kindliche Spielsucht tritt ausgerechnet beim Regisseur selbst einen Schritt zurück, um die verbleibenden Figuren weiter auszuloten.
Das bremst die Rasanz des ersten Teils, der sich mit so konventionellen Elementen gar nicht zu belasten schien, natürlich erheblich. Dem Abwechslungsreichtum, die genreübergreifende Vielfarbigkeit ficht das aber zum Glück nicht an.
Was den zweiten Teil aber wirklich beeinflußt, ist das Einbringen des typisch Tarantinoesken, ein gewisser lakonischer Stil, der sich in seltsamen Figuren, längeren Gesprächen und bizarren Standpunkten äußert. Trieben Tarantinos ersten beiden Filme diesen Stil auf die Spitze, litt bereits „Jackie Brown“ stark unter dem übermäßigen Einsatz bei gleichzeitigem Tempoverlust und mangelnder Originalität. Auch hier wirkt das Markenzeichen des Regisseurs im Stilgewimmel leider nicht gerade als Treibmittel.
Im einzelnen: die Rekapitulation des Kirchenmassakers, bzw. die wenigen Minuten davor ist ein Meisterwerk an Technik und Atmosphäre. Sowohl die Entscheidung für schwarz/weiß, als auch die Tatsache, daß man den Ausgang der Szene bereits kennt und so der Spannungsbogen bezüglich Auslöser gehalten werden kann, erfüllen die Szene mit Leben.
Schon an dieser Stelle bricht ausgerechnet der Auftritt des bisher unsichtbaren Bills den Stil des ersten Films. Zwar war Carradine selten charismatischer und atmosphärischer in seiner Mimik, doch die unnatürliche Ruhe, das seltsam Legere, die unendliche Sorgfälitigkeit, mit der ihn Tarantino jeden einzelnen Satz zelebrieren läßt, bevor er würdevoll zum nächsten übergeht, ist schlichtweg enervierend.
Noch typischer Tarantino ist dann die Charakterisierung Budds, die jedoch dürftiger ausfällt, als es dem Zeitaufwand, der dafür investiert wurde, gerecht wird. Die Szene in der Stripbar erzählt uns zwar etwas über die rätselhafte Losermentalität und Beherrschung dieses aufgeschwemmten Mannes, aber im Grunde ist sie zähes Schnittmaterial, das anstelle einer Beschreibung der Fehde zwischen ihm und Elle Driver, problemlos hätte geopfert werden können.
Sowohl die „Lebendig begraben“-Nummer als auch die Pei-Mei-Episode atmen dann wieder den alten Geist (obwohl die wunderbar 70‘s-like übertriebene Asienepisode irgendwie straff gekürzt aussieht), das Trailersmashing zwischen Elle und der Braut übertreffen an Intensität sogar die „Crazy 88“ aus dem ersten Film.
Trotzdem läßt der Film hier Fragen offen, die nicht zur Geschlossenheit beitragen, etwa warum Elle am Leben gelassen wird, wieso Elle eben Budd umbringen kann bzw. es einfach tut und was Budds Motivation ist, bzw. woher der Verlust eben dieser stammt. Aus dem Film geht es nicht hervor und ein Drehbuchstudium kann nicht bei jedem Kinogänger vorausgesetzt werden.
Was dann folgt, ist Finale pur, wenn auch ein typisches Anti-Finale, wie es sich für einen Film gehört, der ständig mit konventionellen Erwartungen bricht. Eingeleitet von einem wiederum sehr tarantino-typischen Gespräch mit den alternden Bordellbesitzer Esteban, einer Art Vaterfigur von Bill, hält dies den Fluß des Films erneut auf. Das ist ärgerlicher, als der Verzicht auf einen monumentalen Schlußfight, der noch verschmerzt werden könnte, wenn alles andere stimmig wäre.
Daß uns im Finale Familienzusammenführung und Wiederauflösung erwartet, war mit dem letzten Satz des ersten Films bereits klar. Vor uns wird aus der Killer-Ikone so etwas wie das Hohelied der Mutterschaft mundgeblasen und mit den klassischen Dialogen unterlegt, als hätten wir uns das nicht längst schon so oder ähnlich gedacht.
Doch trotz des Bemühens wird aus dem, was Carradine und Thurman abliefern keine großartige Charakterisierung der Figur, es wird künstliches Leben erschaffen, in eine Form gegossen, ein Trampelpfad für das HappyEnd.
Dabei entsteht die Spannung aus Situation und Konstellation, aus der Frage, ob sie fähig ist, einem Kind den langbekannten Vater zu nehmen. Daß das nicht in 120 Einzelteilen geschieht, ist da schon klar, da die Kleine im Nebenraum schläft. Doch außer der Konstellation bleibt wenig wirkliche Emotion übrig, passend zu all den vergangenen Genres, aus dem dieser Film erschaffen wurde. Thurman bemüht sich verbal wirklich, um uns etwas mitzuteilen, was wir ihrer Entschlossenheit schon seit der ersten Filmminute entnommen haben. Und Carradine ist auch weiterhin so enervierend souverän, daß man seine pointierte Sicht der Dinge (bzw. die des Regisseurs) vor sonorer Monotonie fast übersieht.
Der Schlußfight, so kurz er auch sein mag und so offensichtlich sein Clou ist (da früh im Film angekündigt), ist ein feines und hervorragend durchchoreographiertes Stück Fight, einfallsreich und in der Art selten gesehen. Der Epilog von der glücklichen Mutter/Tochterbeziehung entbehrt jedoch leider jeglichen Kommentars der Hauptperson und so fehlt nicht nur ein Fazit, sondern der Film wählt die neugewonnene Familie als Alibi für die aufkommende Perspektivlosigkeit der B-Film-Antihelden, wenn sie ihren Auftrag erst mal erledigt haben (also Ritt in den Sonnenuntergang).
Will man selbst ein Fazit ziehen, so muß man sagen, daß Einfallsreichtum wieder mal keine Grenzen kennt, Bilder erschaffen wurden, die man in der Form nicht oft sieht und ein schräger Stilmix durchaus seine Vorteile haben kann.
Aber es ist auch zu konstatieren, daß ein langer Film auch seine Nachteile hat, man nicht selten die Übersicht verliert, viele Stile auch viele Brüche bedeuten und ein Regisseur manchmal auf das für ihn Typische verzichten sollte, um geschlossener arbeiten zu können.
Tatsächlich halte ich den zweiten Kill-Bill-Film für etwa 15 Minuten zu lang und in der Wahl des Gezeigten nicht immer glücklich, kann deswegen aber nicht ein negatives Urteil zusammenpauschalisieren. Zu beeindruckend sind Entwurf und Konstruktion, zu intensiv sind die Bilder, zu einprägsam stilisiert die Figuren.
Ein Regisseur kann nicht immer alles richtig machen, aber er kann trotzdem einen Film abliefern, wie wir ihn in der Art noch nicht gesehen haben. Und davor darf man trotz Negativpunkten mal sein Haupt neigen. This one’s too big for both of us! (8,5/10 für diesen Film, im Gesamtbild 9/10).