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Mit dem fünften und sechsten Teil der „Scream“-Reihe machte Paramount zwar gut Geld, doch „Scream 7“ stand unter keinem guten Stern. Jenna Ortega widmete sich lieber weiteren „Wednesday“-Staffeln, Melissa Barrera schoss sich durch Tweets zum Israel-Palästina-Konflikt ins Aus, wodurch das Projekt plötzliche ohne die vorigen Hauptdarstellerinnen dastand, auch wenn man Neve Campbell mit Millionengage zur Rückkehr bewegen konnte. Kevin Williamson, der Ur-Autor der Reihe, übernahm dann neben dem Script auch noch die Regie, um das Projekt neu aufzustellen, nachdem erst das Regie-Duo der beiden Vorgänger, Matt Bettinelli-Olpin und Tyler Gillett, später auch noch Ersatz-Regisseur Christopher Landon abgesprungen waren.
Einen großen Medien-Aufhänger, so wie Slasher-Regeln („Scream“), Fortsetzungen („Scream 2“) oder Social Media und Reboots („Scream 4“), findet Williamson im Gegensatz zu seinen vorigen „Scream“-Arbeiten allerdings nicht. Die True-Crime-Faszination prägt die Reihe ja seit je her, auch wenn das Phänomen in den letzten Jahren deutlich an Popularität gewann. In eine entsprechende Kerbe schlägt auch der Opener, in dem ein Pärchen das Mörderhaus aus dem Erstling besucht, das mittlerweile eine Touristenattraktion ist. Memorabilia der bisherigen Gewalttaten und der fiktiven Film-im-Film-Reihe „Stab“ säumen das Gebäude, wobei der männliche Part des Pärchens eh eine wandelnde Enzyklopädie der Woodsboro ist. Allerdings werden er und seine Freundin schnell Teil der Geschichte, als Ghostface auftaucht, kurzen Prozess mit ihnen macht und die Bude abfackelt. Es ist der typische Auftakt-Kill, an Leuten, die mal mehr und mal weniger mit dem Mainplot zu tun haben (hier: so gut wie gar nichts), ist aber immerhin spannend inszeniert, mit einigen gelungenen Jump Scares und Finten. Williamson, der bisher nur sein mäßiges Regiedebüt „Tötet Mrs. Tingle!“ vorlegte, schlägt sich auf dem Regiestuhl wacker, auch wenn jetzt zweiter Wes Craven an ihm verloren gegangen ist.
Sidney Evans (Neve Campbell), geborene Prescott, lebt mittlerweile in dem kleinen Städtchen Pine Grove in Indiana, ist mit dem Polizisten Mark (Joel McHale) verheiratet und – wie schon in „Scream 5“ angedeutet – inzwischen selbst Mutter. Ihrer ältesten Teenager-Tochter Tatum (Isabel May) kann sie nur schwerlich von ihrer Vergangenheit erzählen, die jüngeren Kiddies sind praktischerweise für die Dauer der Filmhandlung bei der Oma, weshalb man sich fragt, warum sie überhaupt im Drehbuch auftauchen. Tatum, natürlich benannt nach Sidneys bester, im Erstling getöteter Freundin, hat einen Freund, Ben Brown (Sam Rechner), welcher durch ihr Fenster einsteigt wie dereinst Billy Loomis und fast die gleichen Dinge sagt wie dieser, hat er doch die „Stab“-Filme gesehen. Im Gegensatz zu ihrem eigenen Vater ist Sidney allerdings nicht ahnungslos, sondern erwischt den Galan, womit das zentrale Thema von Wiederholung und Variation der Vergangenheit aufgegriffen wird.

So sieht es auch bei Ghostface aus, der sich telefonisch bei Sidney meldet und ihr erklärt, dass sie die eigentliche Hauptfigur sei. Also wollen der oder die Killer unter der Maske mit der Tötung von Sidney das schaffen, was ihren Vorgängern nicht gelang, und nehmen dafür auch Sids Familie ins Visier…
„Scream 7“ führt das fort, was sich schon in den beiden direkten Vorgängern bemerkbar machte: Es geht immer weniger um Filmgeschichte oder Genre, stattdessen kreist die „Scream“-Reihe zunehmend um sich selbst. Gleich mehrfach wird erwähnt, dass Sidney bei den Ghostface-Morden in New York nicht dabei war, als ob es sich bei den Mordserien um Aufträge handelt, die Ghostface-Überlebende stets absolvieren. Die Zwillinge Mindy (Jasmine Savoy Brown) und Chad Meeks-Martin (Mason Gooding) aus den besagten beiden Filmen sind mittlerweile als Praktikanten von Gale Weathers (Courteney Cox) unterwegs, weshalb man sich zwischenzeitlich fragt, ob Sidneys Nachbarin vielleicht Kirby Reed ist, aber nein, es ist mit Jessica Bowden (Anna Camp) eine neue, sehr ähnlich aussehende Figur. Nachdem in den Vorgänger bereits Billy Loomis als Geist der Vergangenheit zurückkehrte, ist es hier Stu Macher (Matthew Lillard), der den ersten Teil vielleicht oder vielleicht nicht überlebt hat. In einem verworfenen Drehbuch-Entwurf von „Scream 3“ sollte enthüllt werden, dass Stu im Gefängnis sitzt und von dort aus spätere Ghostface-Killer anwies. Hier geht es nun darum, ob er vielleicht noch am Leben ist oder seine Visage, die alsbald per Videotelefonie auftaucht, nur KI-generiert ist. KI und deren Möglichkeiten werden als tagesaktuelles Thema eingebunden, aber kaum erforscht, sondern sind in erster Linie für den Stu-Plot-Point und weitere Cameos da. Die Twins verkünden offensiv, dass man sich dieses Mal nicht groß mit Genreregeln beschäftigen wird, was vielleicht auch eine smarte Idee ist, da schon „Scream 6“ nicht mehr viel dazu einfiel, angesichts der Veröffentlichungsfrequenz. Man erwähnt das Agatha-Christie-mäßige Versammeln von Verdächtigen und die Wichtigkeit originaler Final Girls, im Kino von Pine Grove läuft „The Texas Chainsaw Massacre“, aber das war es auch schon.

So geht es dann viel um Sidney, was für Nostalgie und Fanservice ausgeschlachtet wird. Szenen früherer Filme werden variiert, Ereignisse daraus angesprochen und bekannte Musikstücke wie „Red Right Hand“ von Nick Cave erneut eingespielt, um den langjährigen Fans zu schmeicheln und Relevanz der ganzen Reihe vorzugaukeln, die gern aus einem Guss wäre, aber spätestens nach dem Tod von Wes Craven von verschiedenen Leuten in verschiedene Richtungen gedrängt wurde. Auf der Habenseite kann Williamson das Projekt weiterführen, das er Sidney schon immer im Sinn hatte und in seinen bisherigen Drehbüchern zur Reihe entwickelte. Sie ist keine coole Heldin, die jeden neuen Teil einfach so absolviert, sondern wird stets von den Ereignissen der Vergangenheit verfolgt, an denen sie sichtlich zu knabbern hat. Ihre Unfähigkeit mit Tatum darüber zu sprechen sorgt für ein mehrgenerationales Trauma, sodass es in „Scream 7“ auch um die Kluft zwischen Mutter und Tochter, aber auch um deren mögliche Überbrückung geht. Damit kann Willamson punkten, denn die familiären Beziehungen der Evans‘ sorgen für Charaktertiefe. Außerdem kann er es für eine weitere Weiterführung der Sequels nutzen: Sidney und ihr Mann (nicht umsonst hat sie einen Polizisten geheiratet) haben Routinen für mögliche Angriffe entwickelt, Alarmanlagen und Überwachungskameras installiert und Waffen an wichtigen Orten gebunkert, sind auch körperlich verteidigungsfähig, auch auf diese Weise von den Ereignissen der Vergangenheit geprägt.
Dafür tut sich „Scream 7“ mit dem noch schwerer, woran alle Sequels ab „Scream 4“ krankten: Der Installation neuer Figuren. Während Tatum noch gut eingebunden wird, so haben die neuen Teenager von Boyfriend Ben über Tatums Freundinnen Chloe Parker (Celeste O’Connor) und Hannah Thurman (Mckenna Grace) bis zu Lucas (Asa Germann), dem creepy True-Crime-Fan von nebenan, wenig bis gar keine Eigenschaften und null Profil, sodass es kaum etwas ausmacht, wenn es einen davon erwischt. Auch mit Mindy und Chad kann der Film wenig anfangen, allerdings waren die selbsternannten „Core Four“ der beiden Vorgänger eh schon relativ blass und sind nach dem Abgang von Barrera und Ortega nur noch blasser geworden. Gale hat hier eine größere Nebenrolle, was Williamson immerhin dazu nutzt, um ihr kompliziertes Verhältnis zu Sidney aufzuarbeiten und weiterzuschreiben. Doch man merkt, dass die meisten Figuren angesichts von Sidneys Familiengeschichte reichlich kurz kommen, wodurch sie oft nur für Fanservice oder als Metzelmasse da sind.

Dafür ist „Scream 7“ in Sachen Gore kein Kind von Traurigkeit und vielleicht sogar der derbste Film der Reihe. Opfer erhalten in einer langen Einstellung ein Messer in den Kopf, werden hängend ausgeweidet oder in einem Over-the-Top-Kill auf einer Zapfanlage aufgespießt, im Finale wird Sidneys Kopfschuss-Mantra bei Killern bis ins Extrem ausgespielt. Einige dieser Szenen sind in ihrer Comichaftigkeit an der Grenze zur Selbstparodie oder vielleicht schon drüber, auch wenn Williamson einige spannende Passagen gelingen. Etwa wenn Sidney und Tatum hinter der Drywall-Wand entfliehen wollen (eine Hommage an Cravens „Das Haus der Vergessenen“) und der Killer diese immer wieder mit Messern und Schürhaken durchsticht oder Sid ihre Tochter via Überwachungskamera und Handy im Überlebenskampf instruiert. Einige Mordszenen arbeiten mit falschen Fährten, Schockeffekten und der geschickten Kameraarbeit von Ramsey Nickell, würden aber davon profitieren, wenn man sich um viele der potentiellen Opfer mehr sorgen würde.
Zu welchem Grad Williamson die Plotte des Ganzen hauptverantwortlich auf seine Kappe nehmen muss, ist nicht ganz klar. Laut Credits stammt die Story von James Vanderbilt und Guy Busick, die sich bei Teil 5 und 6 nur bedingt mit Ruhm bekleckert hatten, Busick ist außerdem als Co-Autor gelistet. Auf der Story-Ebene wird hier das Whodunit-Spielchen gespielt, wenn Sid und Gale einigen wenigen Fährten nachgehen und gleichzeitig versuchen den Killer aus der Reserve zu locken, allerdings glänzt das Figurenensemble schon nicht mit vielen starken Verdächtigen oder möglichen Motiven. Zwar werden bestimmte Topoi der Reihe angesprochen, etwa die Tatsache, dass oft der Partner des Final Girls der Täter ist oder dass True-Crime-Faszination ein Warnzeichen bei Figuren ist, aber das hatten die Vorgänger schon durchexerziert. So kommt die enttäuschende, fast schon alberne Auflösung dann auch wie Kai aus der Kiste, mit schwachen Motiven und nachgelieferten Informationen. *SPOILER* Noch dazu ist zumindest eine Figur schon ab der Mitte gesetzt, wenn man von einem bestimmten Szenario ausgeht. Schließlich ahnt man schon, dass der Heini aus der Irrenanstalt mit drinstecken muss, sollte Stu nicht einer der Täter sein, da er ja behauptet, dass dieser Patient dort gewesen wäre. Dass er gleichzeitig noch als KI-Experte verkauft wird, ist auch nicht gerade überzeugend, sein Motiv bleibt bestenfalls schwammig, das seiner Mittäterin reichlich gewollt. *SPOILER ENDE* Wenigstens ein Twist in der Filmmitte ist neu, hat allerdings wenig Auswirkungen auf den Restfilm, da er eben in der Mitte kommt und sich gewissermaßen selbst auflöst.
Dafür macht sich wenigstens die Gage für Original-„Scream“-Queen Neve Campbell bezahlt. Die Schauspielerin kann der Film auf ihren Schultern tragen und die verschiedenen Facetten von Sidney glaubhaft ausspielen: Ihr Trauma, ihre Rolle als Löwenmutter, ihren Wunsch weiteres Blutvergießen zu verhindern, ihre Tatkraft und Entschlossenheit im Kampf gegen den oder die Killer. Isabel May schlägt sich ordentlich als Tochter, ebenso Courteney Cox als weiterer verbliebener Series-Regular. Matthew Lillard knüpft in seinen Szenen an das Durchgedrehte von Stu aus dem Finale des Erstlings an, wodurch sein Hang zum Overacting durchaus passend wirkt. Joel McHale als verständnisvoller, vermittelnder Ehemann und Vater ist eine starke Addition zum Cast, Anna Camp dagegen eher mäßig. Sie kommt allerdings, wie der Rest vom Cast, von Jasmine Savoy Brown und Mason Gooding über Sam Rechner bis zu Mckenna Grace, leider nie so ganz im Film an, was allerdings auch an der stiefmütterlichen Behandlung durch das Drehbuch liegt. *SPOILER* Grace setzt man dabei ähnlich ein wie Drew Barrymore im Erstling: Das bekannte Gesicht, das allerdings reichlich früh durch Ausweidung abtritt. *SPOILER ENDE*

Kommerziell mag „Scream 7“ ein Erfolg sein, inhaltlich ist das Ergebnis ähnlich durchwachsen wie der direkte Vorgänger. Neve Campbell spielt stark und das Drehbuch läuft immer dann zu seiner besten Form auf, wenn es um Sidneys Trauma und ihre Beziehung zu ihrer Familie geht. Mit den neuen Figuren, bis auf Tatum, weiß das Drehbuch leider wenig anzufangen, sodass einem das Schicksal der meisten egal ist, während die Auflösung des Murder Mysterys enttäuschend bis lächerlich daherkommt. Es gibt durchaus gelungene Spannungsszenen und Kills, in Sachen, in Sachen In-Jokes schmort man dagegen im eigenen Saft, ohne einen allzu starken Anker. „Scream 7“ ist als Slasher schon ganz okay, von Williamsons Rückkehr zur Franchise hätte man allerdings mehr erwartet.

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