Review

Auch in diesem Jahr (2004) bot mir das Fantasy Filmfest diverse Gelegenheiten, endlich einige lang ersehnte Filme auf der großen Leinwand anschauen zu können, zu denen definitiv auch "Haute Tension" von Regisseur Alexandre Aja gehörte.
Der ganze Vorablob hatte mich neugierig gemacht, wie auch die NC-17-Einstufung der MPAA auf Basis der Gewaltszenen, und so fand ich mich dann im ausverkauften Kino wieder und sah mir diese französische Tour-de-force an...

Ich muss zu meinem Bedauern sagen, dass meine Erwartungen etwas enttäuscht wurden – das erwartete Meisterwerk blieb aus. Trotzdem ist der Film noch immer sehr sehenswert und hat mich über weite Strecken fesseln können, denn in diesen Passagen wird Spannungskino pur geboten. Der Goregehalt ist natürlich sehr hoch und geht in einigen Momenten wirklich bis an die Schmerzgrenze, denn Regisseur Aja zeigt wahrlich öfters etwas mehr, als man als Zuschauer zu sehen erwartet.

Das Hauptproblem liegt in der Uneigenständigkeit des Films: Laufend werden andere Filme zitiert, so dass man sich fragen muss, ob es sich dabei um eine Hommage oder bloßes Plagiat handelt – Haupteinflüsse waren offensichtlich "Jeepers Creepers", William Lustigs "Maniac", das "Texas Chainsaw Massacre" und die Dean Koontz Novelle "Intensity". Man kann sogar sagen, "Haute Tension" kann mit keiner einzigen neuen Idee aufwarten – so sehr kommen einem die einzelnen Elemente und Szenen bekannt vor (von dem Kleinlaster aus "Jeepers Creepers", über den Säge-schwingenden Irren und diversen "ich verstecke mich vor dem Killer"-Szenen, bis hin zu der Schlusseinstellung).
Ein weiteres Problem bringt der finale Plottwist mit sich: Er ist interessant, jedoch vollkommen unnötig für die Story. Ich will nicht erwähnen, worum es sich dabei handelt, doch auch diese Idee wurde in den letzten Jahren schon öfters (besser) verwendet, weshalb sie etwas verbraucht wirkt. Mir ist ebenfalls klar, dass man bei Filmen wie diesen nicht unbedingt so sehr auf Logik achten sollte, doch diese Wendung wirft die gesamte Plausibilität des vorangegangenen Films komplett über Bord und vernichtet dadurch zudem ein Teil des guten Gesamteindrucks.

Neben diesen Tatsachen kann die Story leider auch nicht überzeugen, denn sie ist extrem dünn: Zwei Studentinnen (Cecile De France und Maiwenn Le Besco) fahren zum ungestörten Lernen raus aufs Land, wo die Familie einer von ihnen abgelegen und inmitten von weiten Maisfeldern wohnt. Gleich in der ersten Nacht taucht dann ein wortkarger Killer (Phillipe Nahon) auf und schlachtet alle bis auf die zwei Mädchen grausam ab – eine wird zu seiner Geisel, die andere kann sich verstecken und nimmt die Verfolgung auf...

Wo also liegt der Reiz an „Haute Tension“? Es sind nicht direkt die sehr expliziten Gewaltszenen, die zweifelsohne unter die Haut gehen, sondern vielmehr ihre Präsentation im Gesamtkontext: Alexandre Aja inszenierte ohne brechende Ironie oder auflockernden Witz, was dem Ablauf einen ernsten, vielleicht sogar realistischen Touch verleiht. Was den Film gegenüber tumben Exploitation-Movies vergangener Jahrzehnte (wie etwa „Toolbox Murders“, das Original) abhebt, ist die enorme Spannung, die mit Hilfe von Urängsten und des stimmungsvollen Scores aufgebaut wird – teilweise absolutes Spannungskino in Reinkultur.

Die Darsteller machen ihre Sache allesamt gut, die Regie ist straff, die eingefangenen Bilder wurden optisch reizvoll angerichtet, der Film insgesamt ist gradlinig und blutgetränkt. Ich hätte dieser Aufzählung auch noch fast den Begriff „konsequent“ hinzugefügt, gäbe es nicht am Anfang einige Diskrepanzen: Die Blowjob-Sequenz mit dem abgetrennten Kopf versprach Ansätze von pechschwarzem Humor, und die Enthauptung des Vaters durch die Kommode wurde mit so viel Blut angereichert, dass man an der Ernsthaftigkeit zu zweifeln begann – danach findet der Verlauf jedoch glücklicherweise zu einem einheitlichen Stil, und zwar dem der realistischen und humorfreien Darstellung von Angst, Terror, Bösartigkeit, Schmerz und Wahnsinn.

Wer kann, sollte sich den Film übrigens im Kino ansehen, denn „überlebensgroß vor einem“ kann dieser Horrorfilm (auch dank der untermalenden Musik) seine volle Wirkung auf den Zuschauer besonders entfalten.

Fazit: „Haut Tension“ hat zweifelsohne seine Schwächen (in Sachen Eigenständigkeit, Logik und Auflösung), bietet aber neben extremer Gewalt auch noch sehr viel Spannung und gute Darsteller, was ihn auf jeden Fall sehenswert macht – nichts für Zartbesaitete … 8 von 10.

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