We All Live In a Bloody Submarine…
YouTuber die zu Filmregisseuren werden sind eine aufstrebende und anwachsende Spezies. Manche machen das klasse (wie die Philippous), andere haben sicher noch Luft nach oben (wie Chris Stuckmann) und wieder andere sollten eindeutig beim „Titel“ „Content Creator“ bleiben. Trotzdem sind die Wege zwischen den Jobs scheinbar recht nah und die Schnittmenge ist dermaßen da, dass ich vermute, dass man diese Gruppe in 10-15 Jahren schon eher als Riege, Bewegung oder gar Normalität ansehen wird. Doch noch bleibt das immer ein Aufhänger und Alleinstellungsmerkmal, wie auch bei Mark Fischbach aka Markiplier, dessen Weg zu seinem Regiedebüt „Iron Lung“ klarstens definiert und dokumentiert scheint - er hat das gleichnamige Survivalspiel live auf seinem Kanal gezockt, war davon begeistert und nahm sich das ambitionierte Ziel daraus einen Langfilm zu machen. Selbst finanziert, produziert, dirigiert, gespielt. Als kompletter Neuling auf dem Gebiet. Bei einem alles andere als unambitionerten Projekt bzw. Thema. Wow, mein Respekt! Und nun sehen wir eben diesen „Iron Lung“, über einen verurteilten Mann/Verbrecher in einem überschaubaren U-Boot, der abtaucht in einen Ozean aus Blut auf einem fremden Mond…
Röntgen in deine Fresse, Cthulhu!
Kult oder Katastrophe? Ich glaube bei „Iron Lung“ könnten sich viele der Meinungen in diese beiden Extreme aufteilen. Vielleicht sogar eher leider zu Letzterem tendierend. Denn das Teil ist schon sehr speziell, sehr langsam, sehr zögerlich. Ein Videospiel, das die meisten in unter einer Stunde beenden, filmisch auf über die doppelte Zeit (!) aufzublasen, ist schon mutig. Um es noch freundlich auszudrücken. Komplett größenwahnsinnig und bescheuert, könnte man es ebenso nennen. Aber es ist wie es ist. Tempo und Schnitt sind ja nicht alles bei einem Film. Viel, aber nicht alles. Und zum Glück hat „Iron Lung“ ja auch einige absolut lobenswerte und konsequente Punkte im Repertoire. Die Atmosphäre ist z.B. dichter als das Blut außerhalb des Gefährts. Überall tropft es, blutet es, knirscht es im Gebälk. Extreme Nahaufnahmen, extreme Enge, extremes Unbehagen. Wärme, Weitwinkel, Wundertüte. Dazu ein passendes, extrem immersives Sounddesign, ein industriell-pushender Elektronikscore und Mark selbst als Ein-Mann-Armee + Hauptdarsteller, der seine Sache echt richtig gut macht. Nicht nur für einen „YouTuber“ und Regiedebütanten. Man leidet definitiv mit seinem Charakter. Gerade in der ersten halben Stunde hing ich an seinen Lippen und war pausenlos angespannt, neugierig, drin im Film. Danach hat er mich immer mehr verloren, aber nie ganz. Immerhin ist die Grundidee irgendwo zwischen „Subnautica“ und Blutspendezentrale bizarr bis unkaputtbar, es gibt klasse lovecraft'sche Vibes, die rotgetränkte Klaustrophobie ist stark in diesem hier und das Worldbuilding hat mindestens mal interessante Aspekte. Tarkovsky meets Gilliam, Konservenbüchse meets Schicksal, Thalassophobie trifft Hämatophobie. Alles super beengt, super schwitzig, super nervtötend im Guten wie im Schlechten. Aber das dann eben über 127 Minuten. Mit ohne echten Aufklärungen oder halbwegs Befriedigung. Wie ein Durchlauf, bei dem ein New Game+ Pflicht scheint. Mit mehr Fragen als Antworten. Mehr Gähnen als Stress. Mehr Warten als Bangen. Mehr Thesen als Kontrolle. Mehr Blut als der Film vertragen kann… Puh. Dann muss ich sagen, dass ich mir etwas mehr versprochen hatte. Interessant - aber aggressiv eintönig.
Wenn es blutet, kann ich darin tauchen…
Fazit: Zu lang, zu vage, zu düster, zu redundant?! Joa, schon. Definitiv. Aber irgendwie auch ein verdammt atmosphärischer, unangenehmer und bizarrer Trip. Bleibt jedenfalls im Gedächtnis. Blutbrei, kein Einheitsbrei. Für mich vom ersten Eindruck her aber mindestens genauso anstrengend wie intensiv, eng, beeindruckend. Die Laufzeit ist wohl die Kardinalsünde. Trotzdem recht respektabel. Der blutigste Film aller Zeiten?! Zumindest im Kopfkino und dem niedergeschriebenen Prolog.