Sachsen-Anhaltinisch noir
„Sieht nach ‘nem klassischen Badewannenunfall aus.“
Nach ihren Fällen aus den Jahren 2021 und 2024 tritt das Hallenser „Polizeiruf 110“-Kripoduo Henry Koitzsch (Peter Kurth) und Michael Lehmann (Peter Schneider) mit seinem dritten und leider letzten Fall „Der Wanderer zieht von dannen“ ab. Der Titel ist erneut dem Volkslied „An der Saale hellem Strande“ entlehnt, das in Teilen durch die handelnden Figuren rezitiert wird. Und erneut verfasste Clemens Meyer das Drehbuch zusammen mit Thomas Stuber, der wieder mit der Inszenierung betraut wurde. Die Uraufführung erfolgte am 1. Dezember 2025 auf der Weimarer Televisionale, die Erstausstrahlung folgte am 15. Februar 2026.
„Zu viel Fernsehen geguckt, was?“
Katrin Sommer (Cordelia Wege), jene attraktive Frau, die mit Uwe Baude, dem Opfer aus dem ersten Teil der Trilogie, liiert war, schaut auf der Wache vorbei und berichtet Kommissar Lehmann davon, gestalkt zu werden. Der verweist sie an einen Kollegen. Anschließend wird er zusammen mit seinem Kollegen Koitzsch zu einem Leichenfund in einer Plattenbauwohnung gerufen. Hausmeister Trojanowitz (Henning Peker, „Als wir träumten“) hat die ältere Dame Frau Krüger (Sibylle Maria Dordel, „Mein Falke“) tot in ihrer Badewanne gefunden. Zunächst sieht alles nach einem Unfall aus, doch Koitzsch bemerkt, dass etwas nicht stimmt – handelte es sich um einen Raubmord? Im Zuge der Ermittlungen kommt man einer Mordserie auf die Spur, die Verbindungen zu Baudes bisher unaufgeklärtem Tod aufweist…
„Er sucht sich die Alten, Schwachen, Einsamen…“
Mit der ersten Einstellung wird der Zuschauerschaft suggeriert, sie befinde sich zusammen mit einem Toten in einem Kühlfach innerhalb der Leichenhalle. Die eine oder andere weitere morbide Spitze wird folgen in diesem sonnigen, sommerlichen und dennoch verdammt düsteren Fernsehkrimi. Koitzsch ist äußerst wortkarg und trägt permanent eine Leichenbittermiene im Gesicht. Zudem hat er Visionen, die auch das TV-Publikum zu sehen bekommt und sich stets erst im Nachhinein als Koitzschs subjektive Wahrnehmung herausstellen. Wir sehen die nackte Leiche in der Wanne und lernen Rita Schmidtke (Jule Böwe, „Leif in Concert“) kennen, die die bindungssüchtige, promiske Katrin in einer Selbsthilfegruppe kennenlernt und sich mit der etwas spröden und verschlossenen Frau anfreundet. Der erste Verdächtige, der Hausmeister, ist spätestens dann keiner mehr, als er in der Wohnung der Toten nach Ersparnissen sucht und prompt vom Täter überrascht wird, der wiederum von unseren Kripobullen überrumpelt wird.
Damit ist der Fall – bzw. sind die Fälle – aber noch lange nicht gelöst. Kurze Flashbacks rufen den Mittelteil der Trilogie in Erinnerung, vor allem aber den ersten Teil, wenn sich die Hinweise verdichten, dass zu diesem eine Verbindung besteht. Klassische Polizeiarbeit findet statt, spielt gegenüber der traurig-melancholischen Atmosphäre, die Koitzsch mit jeder Zelle verkörpert, aber die zweite Geige. Mitraten lässt sich prima und ist bald auch gar nicht so schwer, es bleibt jedoch die Frage nach dem Motiv des Blumenblüten als sein Zeichen an den Tatorten hinterlassenden Täters. Koitzsch sucht einmal mehr seinen alten Knackikumpel Roman (Thomas Lawinky) im Bau auf und erfährt so von – für mein Empfinden etwas weit hergeholten – Stasi-Seilschaften. Dieser „Polizeiruf“ ist spannend, mysteriös und legt den Fund zwei weiterer Leichen obendrauf, zieht die Schraube immer weiter an. Stuber und Meyer arbeiten mit Thriller-Elementen, die sie sehr gut beherrschen, und appellieren an die Urangst, unwissentlich nicht allein zu Hause zu sein – was möglicherweise als weiterer Wink mit dem Zaunpfahl gen MfS-Vergangenheit Ostdeutschlands verstanden werden will.
Doch es geht eigentlich um etwas anderes: um Einsamkeit, den Wert, der in Tristesse gefangenen Menschen zugemessen wird, und darum, wie lebenswert das Leben dennoch ist. Das Motiv des Täters bleibt bis zum Schluss leider vage, darüber hätte man gern mehr erfahren. Die volle Härte dieses Hallenser Schwanengesangs bleibt dem Publikum glücklicherweise erspart, wenngleich der Film damit nicht all in geht. Der Epilog stimmt mit seinem Happy End sogar derart versöhnlich, dass man meinen könnte, das Team habe Angst vor seiner eigenen Courage bekommen. Hängen bleibt aber vor allem der Noir-Stil aller drei Hallenser Episoden mit seiner bedrückenden, dabei zugleich überaus nachvollziehbaren Stimmung. Und die Klanghölzer im Score, die mich immer wieder angenehm an Lalo Schifrins Soundtrack zu „Der Mann mit der Todeskralle“ erinnerten.