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Charles Laughtons erste (und einzige) Regiearbeit ist zwar dem Namen nach ein Thriller, führt aber so viele märchenhafte Elemente auf realistische Art und Weise ein, daß ein Zwitter entsteht, dergleichen man bis heute nicht wieder findet.

Vordergründig ist es die Geschichte eines mörderischen Einfallspinsels (Mitchum), der sich als Priester ausgibt und neben zahlreichen Witwenmorden es jetzt auf die Beute eines Räubers abgesehen hat, der bereits hingerichtet wurde. Das Geld verstecken die beiden Kinder des Räuber, weswegen Mitchum sich an die Mutter (Shelley Winters) ranmacht. Die fällt ihm schon bald zum Opfer, worauf die Kinder fliehen, bis sie bei einer alten Frau Aufnahme finden.

Laughton mischt geradezu meisterhaft die Stile, stilisiert Szenen und betont das Künstliche, indem der Film schon in der ersten Szene als Gutenachtgeschichte für Kinder erzählt wird.
Neben den koventionellen Thrillerelementen kreiert Laughton in seinem Film ein beängstigendes Portrait eines notorischen Mörders, der sich fatalerweise an die Bibel klammert (was auch durch die berühmten "LOVE" und "HATE" -Tätowierungen auf den Fingern unterstrichen wird). Mitchum war selten eindrucksvoller als als Powell, dieser schleimig-infantile Bibelzitierer, dessen Dummheit nur deswegen nicht entdeckt wird, weil er sich a) als Priester tarnt und b) seine bevorzugte Zielgruppe Land- und Kleinstadtbevölkerung noch blöder ist als er.

So macht es der Regie viel Spaß, die in der literarischen Vorlage stark betonten Kleinstadtvorurteile und Engstirnigkeit gut herauszuarbeiten, so daß sie die Geschichte unterstützen, indem sie die Mutter dem Mörder zutreiben, die Kinder ihm ausliefern und den Teufel in das eigene Haus lassen, bis sie in Selbsterkenntnis zu einem rasenden Lynchmob werden.

Mit was der Film jedoch wirklich glänzen kann, sind seine düsteren Märchenelemente und seine erlesenen Bildkompositionen. Wenn Mitchum beim Picknick unter Kleinstädtern salbadert, ist er nicht nur durch den Priesterkragen geschützt, man sieht auch den schwarzen Mann als Kontrast zu den dummen Schafen. Der Mord an der Mutter ist ein Meisterstück des Inszenierens, in einem unglaublich hohen Dachraum, in dessen tiefe Finsternis nur durch ein Schrägfenter ein Lichtstreifen auf das Bett fällt, die Winters in religiöser Inbrunst ergeben und Mitchum lange Schatten werfend, bis er zur Tat schreitet.
Unvergeßlich auch der Fund der toten Mutter im Fluß, im Auto sitzend, die Haare im Wasser wie eine Nixe wehend, ein schwebender Engel in der Flut.

Das Hänsel/Gretel-Motiv wird noch betont auf der Flußfahrt, wenn die am Ufer auftauchenden Tiere (an denen die Kamera vorübergleitet) den Gefahrengrad angibt (so gleitet der Kahn scheinbar aus einem Spinnennetz und an einer Kröte vorbei bis es zu Kaninchen kommt). Ein Magic Moment auch die Nacht im Heuspeicher, als am Morgen im aufgehenden Dämmerlicht die düstere Silhouette von Mitchums Wagen am Horizont entlanggleitet, während seine singende Stimme zu hören ist.

Die Auflösung ist wieder gefühlvoll und im Thrillerstil gemacht, ganz familiär, liebevoll und gebrochen zugleich, wobei Stummfilmstar Lilian Gish als alte Frau ganz wunderbar den wahren Glauben gegen den lauernden Psychopathen spielt.

"Night of the Hunter" zeigt, was Film kann und konnte, eine spannende visuelle Spielerei von meisterhafter Hand. Und da er gänzlich thrillerhaft vermarktet wird, oft übersehen. (8/10)

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