Durch Zufall begegnet Robert (Alain Duclos) eines Nachts, Nahe eines Waldstückes, der ziellos herumirrenden Elisabeth (Brigitte Lahaie). Die nur mit einem Nachthemd bekleidete Frau scheint verwirrt und verstört, und als sie ihn bittet, er solle sie doch mitnehmen, setzt er sie in sein Auto und bringt sie in seine Wohnung. Beide wissen nicht, daß ihnen aus dem Dunkel des Waldes eine nackte Frau, Véronique (Dominique Journet), nachsieht und verzweifelt fleht, sie bitte nicht allein zu lassen. Robert bemerkt rasch, daß Elisabeth große Probleme mit ihrem Gedächtnis hat und sich an fast gar nichts mehr erinnern kann, was ihn aber nicht davon abhält, mit der attraktiven Frau zu schlafen. Am nächsten Tag, als Robert bei der Arbeit ist, bekommt Elisabeth Besuch von Dr. Francis (Bernard Papineau) und seiner Assistentin Solange (Rachel Mhas), welche sie überzeugen, mit ihnen nach Hause zurückzukehren. Elisabeths Zuhause entpuppt sich als modernes Hochhaus, in dem sie und ihre zahlreichen Schicksalsgenossen, darunter auch ihre Freundin Véronique, in kargen Appartements untergebracht sind. Niemand scheint sich zu bemühen, den verlorenen Menschen, die hier quasi gefangen gehalten werden, zu helfen. Und so fassen Elisabeth und Véronique den Entschluß, erneut einen Fluchtversucht zu wagen.
La nuit des traquées ist eine etwas zwiespältige Angelegenheit. Einerseits mag der billigst produzierte Streifen - auf den ersten Blick zumindest - nicht so recht in Rollins Oeuvre passen, andererseits ist die Handschrift des Franzosen stark genug, sodaß man gar nicht erst auf den Gedanken kommt, jemand anderes könnte diesen Film gedreht haben. Auf alle Fälle ist es eines von Rollins ungewöhnlichsten Werken, in erster Linie natürlich aufgrund des Schauplatzes. Der überwiegende Teil von La nuit des traquées spielt in einem unansehnlichen Betonklotz in Paris, einem Hochhaus, das aufgrund seiner dunklen Farbe alles andere als einladend ist. So düster es von außen wirkt, so unangenehm kalt wirkt es von innen. Es fühlt sich an wie ein stillgelegtes Krankenhaus, in dem die Patienten mehr oder weniger sich selbst überlassen wurden. Es gibt bewaffnete Wächter, die verhindern sollen, daß die hier einquartierten Menschen in die Außenwelt gelangen, und es gibt mit Dr. Francis auch so etwas wie einen Arzt, doch eine Hilfe ist dieser Mann nicht. Tatsächlich erinnert dieser Doktor aufgrund seiner kaltschnäuzigen, emotionslosen und undurchschaubaren Art stark an den von William B. Davis gespielten "Krebskandidaten" aus der TV-Serie The X-Files (Akte X - Die unheimlichen Fälle des FBI).
Nach eigenen Angaben schrieb Jean Rollin das Drehbuch an einem Tag, und für die Umsetzung stand ihm lediglich das Mini-Budget zur Verfügung, das üblicherweise für einen Pornofilm reserviert ist. Auch einige der Darstellerinnen wurden aus Sexfilmkreisen rekrutiert, allen voran natürlich die am 12. Oktober 1955 geborene Brigitte Lahaie, ihres Zeichens eine der populärsten Erotikstars Frankreichs, mit der Rollin bereits bei Les Raisins de la mort (Foltermühle der gefangenen Frauen, 1978) und Fascination (1979) zusammenarbeitete. Hier vertraute er ihr die Hauptrolle an, und sie dankte es ihm mit einer ihrer besten und einfühlsamsten Darbietungen. Ihre subtile, zurückhaltende und doch zu Herzen gehende Performance ist mitverantwortlich dafür, daß La nuit des traquées diese starke Wirkung erzielt und als Ganzes so gut funktioniert. Lahaie macht das Dilemma, in dem sich ihre Figur Elisabeth befindet, für das Publikum nicht nur nachvollziehbar, sondern sogar spürbar. Der ständige Verlust des Gedächtnisses, das wie Sand durch ihre Finger rieselt, der damit einhergehende Identitätsverlust, die daraus resultierende Verlorenheit und Einsamkeit, all das bringt Lahaie mit viel Gefühl und glaubhaft zum Ausdruck. Sie trägt den Film auf ihren Schultern, und sie schwankt keine Sekunde unter der Last.
Ihre Kolleginnen agieren hingegen durchwachsen. Während Dominique Journet als Véronique vor allem mit ihrer herzzerreißend traurigen Ausstrahlung punktet, kann Cathy Stewart (aka Catherine Greiner) nicht gänzlich überzeugen. Und das ist umso bedauerlicher, da ihre Catherine eine Art Schlüsselfigur ist, nicht nur aufgrund ihres gräßlichen Endes (die paar Gore-Effekte sind gut umgesetzt), sondern auch, weil es sie am härtesten getroffen hat. Neben den üblichen Symptomen der mysteriösen Krankheit hat sie auch Probleme mit der Motorik. So kann sie zum Beispiel nicht essen, weil sie den Löffel mit ihrer Hand nicht adäquat zum Mund führen kann, woraufhin Elisabeth einspringt und sie füttert. Diese Sequenz ist eine ziemlich heikle und problematische Gratwanderung, die Gefahr läuft, beim Publikum falsch anzukommen. Einerseits geht die ganze Szene sehr zu Herzen, andererseits ist Stewarts Spiel so unbeholfen, daß die berührende Stimmung ins Komische abzudriften droht. Wesentlich besser schlägt sich da schon Natalie Perrey, die davon überzeugt ist, eine Tochter zu haben, diese jedoch vergessen hat. Und so helfen ihr Elisabeth und Véronique, indem sie sich spontan einige Dinge über die Tochter ausdenken, denn zumindest das können sie in ihrer mißlichen Lage tun: Erinnerungen füreinander erfinden.
Wie bei Rollin nicht anders zu erwarten, entfaltet sich die Geschichte, die aufgrund des Settings und der ausweglosen Stimmung einige Parallelen zu David Cronenbergs Shivers (Parasiten-Mörder, 1975) aufweist, sehr langsam und bedächtig. Erst im letzten Viertel des Filmes wird offenbart, was genau es mit dieser schrecklichen Erkrankung auf sich hat und wodurch sie verursacht wurde. Die Stimmung ist zappenduster und deprimierend, trotz des leicht surrealen Flairs und der irgendwie traumhaften Aura, welche die von Jean-Claude Couty präzise eingefangenen Bilder oft umweht. Gegen Ende verlagert sich das Geschehen in ein heruntergekommenes Eisenbahnabstellgelände, wo Rollin auf die eh schon niederschmetternde und bedrückende Atmosphäre noch einen draufsetzt. Da kommt es dann zu solch grausamen Aktivitäten, daß man unweigerlich an die Vernichtungslager der Nazis denken muß, was für einen dicken, fetten Kloß im Hals sorgt. Das bewegende Ende hat trotz der tristen Hoffnungslosigkeit etwas zutiefst Poetisches und etwas quälend Eindringliches an sich, was durch das traurige Gitarrengezupfe noch verstärkt wird. La nuit des traquées ist Jean Rollins düsterstes und deprimierendstes Werk, dessen unendlich traurige, von Verlust und Leid geschwängerte Stimmung den Zuschauer auch nach Filmende noch einige Zeit begleitet.