Der Astronaut
Ungemein unterhaltsames Science-Fiction-Abenteuer, das visuell, emotional und dramaturgisch aus allen Rohren feuert. Ryan Gosling und ein mehrbeiniges Fels-Alien sind das knuffigste Buddy-Duo seit Murtough und Riggs. Kurz: Ein Himmelfahrtskommando als Wohlfühl-Mission, charmant, witzig, spannend und berührend.
Die Freundschaft zwischen Mensch und Alien ist ein klassischer Topos im Science-Fiction-Kino. Selten wurde es allerdings so herzzerreißend wie in Steven Spielbergs E.T. THE EXTRA-TERRESTRIAL (1982) - bis jetzt. Denn die Adaption von Andy Weirs Bestseller PROJECT HAIL MARY avanciert gerade zur ersten ernstzunehmenden Konkurrenz seit Dekaden. Jedenfalls ist das Bonding zwischen Astronaut Ryland Grace und dem steinernen Außerirdischen „Rocky“ ein fein austariertes Meisterstück zwischen Komik, Tragik und Dramatik, bei dem leise Töne und laute Lacher fast schon symbiotisch harmonieren und das alles im Kontext eines spannenden und bildgewaltigen Abenteuers für die ganze Familie. Da kann man als langjähriges „Hollywood-Wunderkind“ schon mal nervös werden.
Aber bevor jetzt die Alarmglocken in Richtung einer weiteren Breitseite der Retro-und Nostalgie-fixierten Filmwelt der 2020er schrillen, PROJECT HAIL MARY lässt sich nicht so leicht in bestimmte Schubladen schieben. Er mag über Spielbergsche Kernkompetenzen verfügen, aber die Handschrift des Regie- und Autorenduos Phil Lord und Chris Miller ist mindestens ebenso signifikant. Beide stehen für schelmischen Witz, Situationskomik und visuelle Pfiffigkeit (u.a. 21 JUMP STREET, THE LEGO MOVIE). Vor allem ihre Erfahrungen und Expertise im Animationsfilm (CLOUDY WITH A CHANCÈ OF MEATBALLS- und INTO THE SPIDER-VERSE-Franchises) sind in ihrem neuesten Film in jeder Sekunde spürbar. Taktung und Rhythmus sowohl der Dialog- wie auch der Actionsequenzen haben etwas mitreißend Schwungvolles, das in einem breiten Dauer-Grinsen resultiert. Dabei evoziert die Grundhandlung alles andere als Beschwingtheit oder gar eine flauschige Feel Good Atmosphäre.
Zu Beginn des Films erwacht Ryland Grace (Ryan Gosling) aus dem künstliche Koma, mitten im Weltraum, Lichtjahre von der Erde entfernt. Erst nach und nach kommen die Erinnerungen und damit die Hintergründe seiner Mission zurück. Genau genommen handelt es sich um eine Rettungsmission für die vom Untergang bedrohte Erde. Außerirdische Mikroorganismen („Astrophagen“) verdunkeln die Sonne und sorgen in spätestens 30 Jahren für eine neue Eiszeit. Lediglich ein weit entfernter Stern (Tau Ceti) kann der Astrophagen-Bedrohung widerstehen und genau dort setzt das globale Rettungsprojekt („Project Hail Mary“) an. Highschool-Lehrer Grace war zunächst nur als Molekularbiologe an dem Projekt beteiligt, aber als der eingeplante Bordwissenschaftler bei einem Unfall stirbt, wird Grace gegen seinen Willen Teil der Mission. Obwohl er sich weder den technischen (er ist kein ausgebildeter Astronaut) noch den emotionalen Herausforderungen (der Treibstoff des Raumschiffes reicht nur für den Hinflug) gewachsen fühlt, sieht Projektleitern Eva Stratt (Sandra Hüller) in ihm die einzige Chance die Mission noch zu retten und lässt ihn in den Tiefschlaf versetzen …
Dass dieses finstere Himmelfahrtskommando in ein in diesem Genre höchst seltenes Wohlfühl-Feuerwerk mündet, ist bereits in Andy Weirs Romanvorlage angelegt. Nicht nur lässt Grace den drohenden Panik- und Desillusionsattacken mit zupackendem wie pragmatischen Aktionismus nicht den Hauch einer Chance, er bekommt auch sehr schnell Gesellschaft in Form einer fünfseitigen, felsartigen Lebensform, die schlicht dasselbe Problem hat: auch ihr Planet ist vom Aussterben bedroht und auch sie ist die einzige Überlebende einer finalen Rettungsmission. Also raufen sich die beiden ungleichen Einsiedler zusammen und entwickeln einen Plan zur Rettung beider Planeten.
Dieses „Zusammenraufen“ ist das Kern-. Und Herzstück des Romans und ganz besonders auch des Films. Die langsame Annäherung, vor allem die Entwicklung eines gemeinsamen Kommunikations-Tools ist gespickt mit Wortwitz und Situationskomik. Hier kommt mal wieder Ryan Goslings fabelhaftes komödiantisches Timing ins Spiel, der zu Unrecht gern auf sein Image als neuer King Hof Coll reduziert wird. Als leicht zerstreuter, aber ungemein engagierter und motivierter Lehrer feuert eine regelrechte Charme-Offensive ab, der sich auch sein neuer außerirdischer Freund nicht lange entziehen kann. Den tauft er aufgrund seiner Konsistenz kurzerhand auf den Namen „Rocky“ und wer jetzt noch obendrein auf popkulturelle Bezüge hofft, der darf sich so richtig freuen, denn Grace ist offenbar auch ein großer Verehrer der gleichnamigen Filmfigur von Sylvester Stallone. Zu den schönsten Momenten des Films gehört dann auch die Szenen, in der die beiden gemeinsam die Rocky-Filme auf einer Art Holodeck schauen. Und natürlich bekommt ein neu entdeckter Planet den Namen „Adrain“ (nach Rockys Partnerin).
Es gibt noch weitere Anspielungen auf die (filmische) Popkultur, aber es ist insbesondere die Buddy-Konstellation zwischen Grace und Rocky, die den fluffigen Charme des Films ausmacht. Obwohl Ryan Gosling und das Skript hier den Löwenanteil stemmen, darf zumindest eine weitere menschliche Figur nicht unerwähnt bleieben. Zwar taucht Sandra Hüller als vermeintlich unterkühlte Projektleiterin nur in Rückblenden auf, aber die haben es in sich. Von Beginn an haben Ryland Grace und Eva Stratt eine ganz besondere Chemie, bei der unter der humorigen (Grace) und abgeklärten (Stratt) Oberfläche nicht nur gegenseitige Bewunderung sondern eine tiefe Zuneigung lauert, die Hüller und Gosling nur mit Blicken und kleinen Gesten ungemein eindringlich spürbar machen. Ein emotionaler Höhepunkt ist dabei Stratts Karaoke-Einlage von Harry Stiles „Sign of the Times“ am Vorabend der Mission, die sich direkt an Grace richtet.
PROJECT HAIL MARY ist also ein zutiefst menschlicher Science-Fiction-Film, der zwar finstere Zukunftsszenarien aufgreift und thematisiert, gleichzeitig aber auch Prinzipien wie Tatkraft, Erfindergeist, Hoffnung und Freundschaft ganz hoch hält. Die Regisseure Phil Lord und Chris Miller jonglieren virtuos zwischen intimen, humorvollen, dramatischen wie spannenden Momenten und veredeln das Ganze mit faszinierenden und berauschenden Bildern von Raumschifftechniken und Weltraumpanoramen. Das außerirdische Felsenwesen „Rocky“ lässt Spielbergsche E.-T—Vibes anklingen, Ryan Gosling knuddelt sein Coolness-Image gegen die Wand und Sandra Hüller zeigt allen Zweifeln, warum sie aktuell praktisch jeder in seinem Filmen haben will. Es geht auch kürzer: Project Hall Mary ist großes Familienkino mit Hirn, Herz und Witz. Das letzte Wort sollte aber Rocky haben, also der Namensvetter unseres Buddy-Helden. Der hätte den Film bestimmt so subsumiert:
“Life’s not about how hard of a hit you can give … it’s about how many you can take, and still keep moving forward. That’s how winning is done.”