Spoiler voraus!
Überleben nach der Bombe.
Ray Milland ("Der Mann mit den Röntgenaugen") drehte im Jahr 1962, dem Jahr der Kubakrise und an einem Gipfelpunkt des Kalten Krieges, dieses wirkungsvolle Science-Fiction-Drama um eine Familie, die, gerade auf dem Weg zu einem Angelausflug, aus der Ferne Zeuge wird, wie ein Atompilz über ihrer Heimatstadt Los Angeles aufsteigt. Der dritte Weltkrieg hat begonnen. Und Harry Baldwin (Milland) beschließt, dass seine Familie unter allen Umständen überleben wird... Mit bewundernswerter Logik und Voraussicht, aber auch dem nötigen Quentchen Skrupellosigkeit, bahnt sich der Familienvater mit seiner Frau Ann (Jean Hagen), Tochter Karen (Mary Mitchel) und Sohn Rick (Frankie Avalon) seinen Weg durch das allmählich anwachsende Chaos. Schließlich finden sie Unterschlupf in einer Höhle…
„Panic In Year Zero!“ hält sich nicht lange mit einer Exposition auf (die Familie wird man im Fortlauf der Handlung näher kennenlernen), der Film ist erst wenige Minuten alt, da werden die Baldwins Zeugen des Unvorstellbaren: Auf Los Angeles fällt die Bombe und aus dem Radio erfahren sie später, dass auch andere Großstädte in den USA und Europa angegriffen wurden.
Der Film spricht dabei stets nur vom „Feind“, der Aggressor wird nicht beim Namen benannt. Doch es ist wohl eindeutig, warum eine solche Geschichte in dieser Zeit, an einem Höhepunkt der langen Konfrontation zweier Atommächte, entstand: Die Angst vor den Anderen, dem Ostblock bzw. der Sowjetunion.
Wenngleich es sich auch (etwas nachrangig) um einen Katastrophenfilm handelt, werden keine Bilder von Verwüstungen, verkohlten Städten oder gar Leichenbergen präsentiert. Für das, was der Film beschreiben will, wäre dies wohl ohnehin irrelevant, aber das Budget der Produktion war ungeachtet dessen offensichtlich zu gering, um Derartiges überzeugend darzustellen. So ist die Kernexplosion z.B. im Wesentlichen eine ins Bild hineinkopierte Archivaufnahme, ein Standbild, das im unteren Teil nur etwas von hell nach dunkel wechselt. - Doch es ist effektiv, so wie der ganze Film.
Im Wesentlichen geht es in Millands Werk – neben dem Anspruch spannende Unterhaltung zu sein – darum, aufzuzeigen, wie der dünne Firnis der Zivilisation in einem derartigen Ausnahmezustand aufreißt. Der Kampf ums Überleben hat begonnen, jeder ist sich ab sofort selbst der Nächste.
Baldwin weiß dies, spricht davon vor seiner Familie, wohl um sie auf einen ganz neuen Aspekt ihres braven Familienvaters einzustimmen – und geht im Folgenden schnell selber recht skrupellos vor, wenn es darum geht, sich und den Seinen einen Weg in die relative Sicherheit zu bahnen. Den Inhaber eines Hardware stores, dessen Weg sie später noch einmal kreuzen werden, erleichtern der Vater und sein hitzköpfiger Sohn mit (kontrollierter) Gewalt um das Gewünschte, weil dieser Probleme macht. Und als es darum geht eine Straße zu überqueren, auf der sich ein nicht enden wollender Strom aus der Stadt flüchtender Autos voranschiebt – eine wirkungsvoll bedrohliche Szenerie -, entzündet Baldwin Kerosin auf der Fahrbahn, um sie überqueren zu können. Das Heck eines Autos fängt dabei Feuer und es ist offensichtlich, dass für den Insassen die weitere Flucht nun um einiges beschwerlicher ablaufen wird. - Doch freie Bahn für Familie Baldwin!
Der Film nimmt zuerst nicht allzu offensichtlich Stellung, ob er Baldwins Maßnahmen als moralisch verwerflich oder als notwendiges Übel einstuft. Eine interessante Angelegenheit für den Zuschauer, zu betrachten, wie der Familienvater schon in einer frühen Phase der Geschehnisse die Ordnung durchbricht, wo man zwar Zeuge eines kleinen gewalttätigen Übergriffes an einer Tankstelle wird, aber wo viele auch korrekt weiter ihre Arbeit versehen und zu manchem die Nachricht von der allumfassenden Katastrophe noch nicht vorgedrungen ist. - Treibt der Vater also stärker als andere voran, was er prophezeit - den Weg in die Anarchie und die Gewalt?
Als kleines moralisches Regulativ könn(t)en die Frauen gelten; Ann ist wegen des „Charakterwandels“ ihres sonst offensichtlich hochanständigen Mannes empört (der enge Zusammenhalt der Familie steht dabei jedoch nicht infrage). Doch zu deutlich stellt der Film Verunsicherung und Hilflosigkeit von Mutter und Tochter dem fast immer planvollen „Durchboxen“ des Vaters und der wilden Entschlossenheit des Sohnes gegenüber, wobei letzterer fraglos um die Anerkennung des Vaters buhlt und das Abenteuer in der Katastrophe zu erkennen scheint.
Baldwin zweifelt nicht, dirigiert die unsicheren Frauen und den übereifrigen, von der Gewalt faszinierten Sohn und besteht im Kleinen auf die Fortführung zivilisatorischer Details: In der Höhle richtet man sich ordentlich ein, bei Tisch wird gebetet und die Männer rasieren sich regelmäßig, um Mensch zu bleiben. Als die Tochter im späteren Verlauf der Handlung beinahe zum Opfer einer Vergewaltigung wird und die Männer zur Vergeltung schreiten, während die Frauen erschüttert und hilflos in der Hölle zurückbleiben, wird endgültig offenbar, wer hier die Lösungen anzubieten hat.
Und der Erfolg von Baldwins Maßnahmen gibt ihm Recht: Der Zweck heiligt die Mittel. Dazu passt die dezent patriotische Schlussszene, in der zwei Soldaten einer Straßensperre die nach ihrer Einschätzung offensichtlich nicht verstrahlte, heimkehrende Familie passieren lassen, ihnen nachdenklich nachblicken und befinden: „Five good ones!“
„Panic In Year Zero!“ ist, von der letztgenannten, unfreiwillig komischen, aber auch etwas rührenden Szene abgesehen, dramatisch und streckenweise hoch spannend (in der zweiten Hälfte hängt die Spannungskurve etwas durch), weil mit relativ schlichten Mitteln ein bedrohliches Szenario aufgebaut wird (allmählich bricht dann wirklich alles zusammen und es gibt Tote im Umfeld der Baldwins), weil Baldwin lange Zeit rätselhaft (und dabei doch irgendwie sympathisch) bleibt und man sich fragen kann, was ihm als nächstes einfällt, um die Gefahren von seiner Familie abzuhalten. Alle Darsteller agieren überzeugend, Milland liefert einen schöne Verhaltensstudie, die aktuell bleibt, in diesem charmant angestaubten Film.
Sehr negativ fällt dabei jedoch die unpassende Filmmusik auf, Easy Listening-Orchestermusik, die fast jede dramatische bis apokalyptische Szene mit heiteren bis beschwingtem Gedudel zukleistert.
Der menschliche Aspekt bleibt logisch nachvollziehbar, aber in Sachen wissenschaftlicher Korrektheit ist fraglos, wie bei vielen, auch gegenwärtigen, Filmen zum Thema Atomkrieg die Logik offensichtlich sekundär. Selbst bei einer kleineren Kernwaffenexplosion wäre die Familie wohl zu nahe am Geschehen gewesen, um unversehrt zu bleiben.
Und dass die betroffenen Regionen schon nach Wochen/ Monaten wieder bevölkert werden können, wie es im Radio ausgerufen wird, gehört wohl eher in das Reich der (amerikanischen?) Mythen. Ein Optimismus, der im Film, so düster er sich streckenweise auch zeigt, nicht unterzukriegen ist.
7/10.
Nachtrag:
Fraglos - siehe die durchaus stichhaltig argumentierende Negativ-Kritik von Moonshade - ist die Tendenz des Filmes zu einer Gesetz-des-Stärkeren-Haltung zu hinterfragen. Besonders zu diskutieren wäre Baldwins Vorgehen am Highway, wo er sich mit Feuer seinen Weg bahnt, als würde er mit einer Machete im Dschungel die lästige Vegetation vor ihm aus dem Weg schaffen: Keiner der Autoinsassen auf der Fahrbahn machte jedoch geringste Anstalten, die Familie passieren zu lassen. Und die Brisanz von Baldwins Maßnahme wird immerhin dadurch entschärft, dass die - recht langsam fahrenden -Wagen bremsen können, ohne zu kollidieren, und dass der Insasse des vordersten, brennenden Fahrzeuges offensichtlich unverletzt ist. Auch dass (ich schreibe es hier nochmals: SPOILER) Vater und Sohn im weiteren Verlauf der Handlung drei junge Männer erschießen, die versucht haben, Karen zu vergewaltigen, eine weitere - offensichtlich bereits vergewaltigte - Frau festhalten und Morde auf dem Gewissen haben, entwirft nicht gerade das Bild einer besseren Welt, ist aber das, ich schreibe es hier mal schüchtern, was wohl leider zu tun ist, wenn die staatlichen Organe malade sind.
Vielleicht bin ich auch einfach der Falsche, um dem Film seine vermutlich wirklich anzuprangernden Tendenzen vorzuwerfen, dessen streitbare Szenen sich zwar allesamt durch das Situative relativieren, sich aber häufen. Ich habe auch kein moralisches Problem mit "Ein Mann sieht rot" bzw. der "Deathwish"-Reihe oder den teilweise völlig unreflektiert Selbstjustiz propagierenden Poliziottesco-Filmen (die meist nicht weniger ideologisch sind als Millands Film).
"Panic..." ist in Vielem, gerade im späteren Handlungsverlauf, auch deckungsgleich mit einem US-Western, die Verbindung aus den auch hier propagierten amerikanischen Werten und "zweckdienlicher" Gewaltanwendung, mag (nicht allein) den europäischen Zuschauer düpieren, aber im Italowestern (den ich klar vor dem amerikanischen favorisiere) wird oft für Geld oder aus Rache gekillt, durch ebenso streitbare Helden, das macht die Sache nicht besser oder vertretbarer. Ich räume aber wiederum ein: Die fragwürdigen Handlungen Baldwins ruhen auf dem Sockel der Seriosität, ein (Spieß)Bürger lässt ein wenig die Sau raus (um immerhin seine Familie zu retten) - bei den meist überzeichneten Italowesternprotagonisten ist beinahe alles lässlich.