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Der Künstler Sam Yuen [ Daniel Wu ] holt sich gerade eine Auszeichnung für seine Photographien in London ab, wo er lebt und arbeitet. An dem Tag bekommt er auch einen Anruf seiner Mutter [ Kara Hui ], die ihm mitteilt, dass sein um wenigen Minuten jüngerer Zwillingsbruder Ah Hung [ Daniel Wu ] durch einen Unfall ums Leben kam. Sam reist für eine Woche zurück nach HK, nur um dort in furchterregender Weise mit seiner Vergangenheit konfrontiert zu werden...

- Before Ah Hung died, he appeared often in my dreams -
Arthouse - Horrorfilm von HKs Multitalent Julian Lee [ The Accident ] nach seinem eigenen Roman, der auch als Fotograf, Maler, Schriftsteller und eben auch Regisseur arbeitet. In Unkenntnis der Vorlage wäre es interessant zu wissen, wie diese aussieht; speziell ob die geschriebenen Worte auch so spärlich die Atmosphäre kennzeichnen und vor allem das Motiv für die Geschichte erklären kann. Der innerhalb 12 Drehtagen fertig gestellte Film tut das nämlich nicht, sondern skizziert die Begebenheiten nur an, ohne in der Erschaffung einer selbst filmischen Realität grossen Erfolg zu haben. Eine Mischung von Erinnerungen, Erlebnissen, freien Einfällen und Unwahrscheinlichkeiten; in der alles geschehen kann, alles möglich und wahrscheinlich ist. Aber das Verwirrspiel ist trotzdem zu offenkundig und die Schöpfung von Lee wirkt noch nicht einmal grossartig original, was für einen selbst erklärten Autorenfilmer nun nicht so wirklich ein Lob darstellt. Teilweise erinnert es in der Ausgangssituation und einigen Momenten ironischerweise sogar an Daniel Wus eigenem Born Wild. Auch dort ging er auf die Suche nach seinem verstorbenen Zwillingsbruder, und erfuhr im Nachhinein Tatsachen, die er damals nicht aufhalten oder ändern konnte und im Nachhinein auch nicht.

- You completed her mission. Now you’ll die ! –
Sam hat mehrere offene Traumata mit sich rumzuschleppen, die einzeln allein schon einen Mann brechen könnten, aber bei ihm alle in der Mehrzahl auftreten müssen. Er wurde als Kind von dem ihm erziehenden Father Chan [ Eddy Ko ] sexuell missbraucht, sein richtiger Vater schied durch Selbstmord aus dem Leben aus und seine Mutter hat nicht nur Ehebruch begangen und ihre Kinder fremdgezeugt, sondern auch nur Ah Hung geliebt. Ausserdem ist Sam hoffnungslos unglücklich in den Radiomoderator Vincent Sze [ Allan Wu ] verliebt, der ihn aber abblitzen lässt.
Er ist in seinem Leben also alleine; der einzige Förderer seiner „brotlosen Kunst“ war auch Ah Hung. Die Tage in HK verbringt er weniger mit seiner übrig gebliebenen Familie – die Mutter ist neu mit einem monströs behaarten Inder verheiratet -, sondern auf der Suche nach den letzten Momenten seines Bruders, wobei er durch den Anruf des Bibliothekars Luk [ Ku Feng ] auf die ersten Spuren stösst.
Ah Hung hat noch immer eine ständige menschliche Präsenz in Form hinterlassener Spuren: Er hat sich offensichtlich für ihn ausgegeben, und seiner Freundin Olivia Chan [ Coco Chiang Yi ] erzählt, dass Sam bereits tot sei. Auch steht in der Zeitung, dass Sam bei dem Unfall ums Leben kam und die Todesursache „Angriff durch wilde Affen“ ist auch nicht gerade beruhigend.
Zudem plant Vincent in seiner Radiosendung „Strange Nights, Strange Secrets“ die Aufdeckung von Father Chan, während dieser von Vincent als Mörder ausgeht.

- Do you remember the whole thing from the beginning to the end ? –
Es ist nicht schwer, der Geschichte zu folgen, obwohl Lee mit verschiedenen Zeitebenen und Blickwinkel arbeitet und der Erzählrahmen selber nicht wirklich festgesteckt ist. Zeit und Raum sind zwar eigentlich nicht vorhanden, aber trotzdem benennbar, was sich hier nicht ausschliesst. Es wird sowohl mit dem Einsatz von traditionellen als auch ungewöhnlichen Mitteln hantiert, und eine gotische Atmosphäre ständiger Verunsicherung angepeilt, die sich in Wahnsinn, Rausch, Verbrechen ergeht. Natürlich mit Erotik verbunden; getreu Johann Heinrich Füsslis Gemälde "Der Nachtmahr" [ 1782 ], dass sich als deutlicher Hinweis durch den gesamten Film zieht.
In der expressionistischen und surrealistischen Malerei zeigen die Darstellungen in der Regel das der Kontrolle der Vernunft entzogene seelische Geschehen; Lee’s Film – der ja nun auch als Synthese von Dichtung und Malerei betrachtet werden kann – erfasst auch die Elemente, kann seinen Prozeßcharakter aber trotzdem nicht so richtig wiedergeben. Auch sind die Gewissheiten viel stärker als die Möglichkeiten. Die Gefühle werden nicht verschlüsselt und in assoziativen Verknüpfungen ausgedrückt, sondern sind schon bewusst formuliert; die schöpferische Vorstellungskraft hält sich in Grenzen, wenn man selber die wichtigen Tatsachen abstrahieren kann und die Herrschaft der Rationalität beibehalten wird.

- Are you having a nightmare ? –
Von der rein formellen Inszenierung her sind die Möglichkeiten der richtigen Gestaltung durchaus erahnbar. Sie ist bildhaft und nicht undynamisch, assoziativ und doch informativ, und das alles in verkürzter [ 75min Laufzeit ] und soweit umfassender Form. Aber es fehlt vor allem eine Einheit zwischen Publikum und Sam, die Entstehung des manifesten Trauminhalts auch für andere spürbar zu machen. Running on Karma hat diese Wirkung zum Beispiel erreicht und wirkte nicht als Vorwand für Experimente mit Avantgardefilm-Techniken.

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