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Lily geht es nicht gut. Man könnte auch sagen, dass etwas nicht mit ihr stimmt. Dieser Eindruck drängt sich sowohl dem Zuschauer als auch dem einsamen Protagonisten schon bald nach dessen Ankunft in einer isoliert stehenden Bed & Breakfast Pension auf.  Clive ist Fotograph und fasziniert von den Bildern der jungen Lily, die er persönlich jedoch nicht zu Gesicht bekommt. Ein Tagebuch steigert sein Interesse an dem Mädchen und er beginnt Nachforschungen anzustellen. Was versucht die Mutter zu verbergen, die aus der Situation ihrer Tochter ein Mysterium macht?

Die Stimmung des Films drückt sich vornehmlich in der eisigen Winterlandschaft aus, die das seltsame Hotel umgibt. "Winter Lily" war scheinbar als Pilotfilm einer Reihe von Geschichten geplant, die sich an jenem Ort abspielen. Nachdem die Produktionsfirma pleite ging, war oder ist das Projekt jedoch auf Eis gelegt, wodurch "Winter Lily" bis dato der einzige Beitrag geblieben ist. Roshel Bissett hat mit ihrer ersten Regiearbeit in Spielfilmlänge einen überaus stimmungsvollen Psychothriller abgeliefert, der trotz vieler kammerspielartiger Szenen, einer Minimalbesetzung an Schauspielern und überwiegend ruhigen, atmosphärischen Bildern einen hohen Faszinationsgrad erreicht und zu keinem Zeitpunkt langatmig oder gar langweilig wird. Ästhetisch ist "Winter Lily" schlicht umwerfend, nicht nur aufgrund der wunderschönen Außenaufnahmen der Winterlandschaft, welche in elegischen Bildern die Gefühle der Beteiligten zu symbolisieren scheint; auch die Innenszenen wurden mit einem Auge fürs Detail entworfen und realisiert. Dadurch überträgt sich die mal melancholische, mal bedrückende, jedoch fast stets ominös bedrohliche Stimmung hervorragend auf den Zuschauer. Obwohl die Auflösung für Genrekenner durchaus absehbar ist, zeichnen sich einzelne Szenen durch eine gewisse Ambiguität aus, wodurch die Spannung bis zum Ende aufrecht erhalten wird.

Die Inszenierung ist sicherlich nicht ohne Makel, wobei der Gesamteindruck letztendlich dennoch stimmig und überzeugend ausfällt. "Winter Lily" qualifiziert sich nicht durch Blut und Gewaltdarstellungen als Horrorfilm, sondern viel eher durch eine makabre und befremdliche Grundstimmung, explizite Morbidität, eine unterschwellige aber stets gegenwärtige Bedrohungssituation und natürlich durch die psychopathologischen Verhaltensweisen seiner Charaktere.  Dadurch erhält "Winter Lily" einen deutlich anderen Geschmack als die Einheitskost, die innerhalb des Genres nach den üblichen Rezepten gekocht wird. Ein kleiner, feiner Leckerbissen! (8 / 10 Grad unter dem Gefrierpunkt)

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