Review

Gute Komödien sind eigentlich traurig. DUMMY ist ein Beispiel. Wieder aus dem Milieu US-amerikanischer Vorstädte. Wo zumeist Kinder an ihren Eltern zu ersticken drohen. DUMMY gehört dabei eher zu den poetischen, märchenhaften Utopien eines Hal Hartley (TRUST oder THE UNBELIEVABLE TRUTH), weit entfernt von den gewalttätigen, düsteren Exzessen eines Larry Clark (BULLY oder KEN PARK), dem revolutionären Überschwang bei Allan Moyles PUMP UP THE VOLUME oder Arie Posins bitterbösem CHUMSCRUBBER.
DUMMY ist dagegen eine Art schönes Märchen, schenkt den Figuren einen ersten Schritt zur Befreiung, ein kleines Glück. Vielleicht weil jetzt im Kampf der Generationen eine weitere Generation, die der Enkel, auftritt, die die Möglichkeit zur Erlösung mitbringt.


DIE GENERATIONEN:


Wir haben Stevens geisterhafte Großmutter, kaum mehr als ein Phantom, die nur gespenstisch durchs Bild gleitet.


Sie als Gespensterfigur gehört zu Stevens gruselig-irren Eltern: Ein Vater, der mit Latexhandschuhen an den Händen durchs Bild rennt, nach Leim für seine Modell-Weltkriegsschiffe greint und unter Pornofilm-Dauerberieselung steht. Einmal wird er laut, um seiner Tochter den Mund zu verbieten.


Stevens Mutter ist ähnlich besessen. Ihr einziges Ziel scheint, ihre Familie mit Sandwiches zu mästen (Liebe geht durch den Magen – und das muß genügen). Nebenbei bemüht sie sich, ihrer Tochter Heidi, einer mittdreißigjähren Hochzeitsplanerin mit traumatisch zerbrochener Beziehung, Depressionen einzureden.

Dabei wird Heidi als Mensch ebenso ignoriert wie Sohn Steven, Ende 20. Wobei Steven noch weniger wahrgenommen wird. Das mag an seiner bescheidenen, kleinlauten, wie eingeschüchterten Art liegen. Er ist so gründlich gebrochen, daß er keine Beachtung mehr findet. (Außer wenn ihn die Polizei als Stalker bis in sein Schlafzimmer verfolgt.)
Stevens Kumpel-Freundin Fangora, auch bereits Ende 20, scheint das Gegenteil von ihm zu sein: Lautstarke Sängerin einer Punkband, Ladendiebin, extrovertiert, schreit sie mit ihrer tyrannischen Mutter um die Wette. Und doch ist sie ähnlich regressiv wie Steven. Auch sie wohnt noch daheim, schikaniert von der bettlägerigen Mutter, einer Art Hausdrachen-Archetyp, die sie permanent zu Arzneibesorgungen und Fußmassagen drängt und ihr das Aus-dem-Haus-Gehen zu verbieten sucht.


Etwas außerhalb, da elternlos, gehört zu dieser Generation noch Lorena, Stevens Traumfrau. Ohne Eltern vermag sie immerhin ein positives Gegenbild zu bieten. (Ihre Trauer hat andere Gründe.) Denn sie führt ihre Tochter in die Geschichte ein, ein engelhaftes, herzerwärmendes Wesen, das endlich das Prinzip Hoffnung verkörpert. Endlich! Zusammen mit dem anderen Vertreter dieser Enkelgeneration: Dem DUMMY – und da sind wir bei der titelgebenden Holzpuppe.


Diese Puppe sieht aus wie Kind, ist genauso groß, guckt mit großen Augen, muß adoptiert, eingekleidet und frisiert werden, doch vor allem lebt sie die Eigenschaft: „Kindermund tut Wahrheit kund.“ Sie ist es, die die Geschichte vorantreibt. Weil Steven sie sich gewünscht hat. Durch sie gelingt Steven der Ausweg, von dem er ein Leben lang träumte, und in ihrem Kielwasser schwimmen auch die anderen, eigentlich längst erwachsenen, Kinder nach oben.


Steven lernt durch die Puppe, eine Art Kind, sich selbst zu erkennen. Zu seiner eigenen Überraschung verkörpert sie sein unterdrücktes erwachsenes Ich, das plötzlich zu sprechen, und zu widersprechen, beginnt. Sie spricht die Dinge aus, schonungslos, unverschämt, aggressiv – einerseits kindlich, andererseits erwachsen - rüpelhaft.


Und so findet sich auch zu Stevens Traumfrau ein Weg. Und in all der Aufregung kehrt Heidi auf die Bühne zurück, Fangora ergreift eine utopische Chance zu einem ersten Auftritt und Heidis (und Lorenas) stalkender Ex-Freund kann seine alten Beziehungen abschließen – und eine neue anfangen. Die Kinder sind erwachsener geworden.


Der Erfolg liegt schon in kleinen Schritten, davon erzählt DUMMY, nicht nur im Inhalt, sondern auch durch seinen Stil. Es ist ein "kleiner", bescheidener (wie Steven), warmherziger Independent-Film, der verzaubert. Einfallsreich, originell, mit einem beseelten Ensemble.


PS: Und als persönliches Highlight genieße ich, daß Milla Jovovich, die unbesiegbare, unmenschliche Zombiekillerin aus RESIDENT EVIL, als zappliges, überdrehtes, unsexy Punkgirl auf Jiddisch schimpft und singt.


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