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„Der Arzt von St. Pauli“ ist der Auftakt zu Regisseur Rolf Olsens („Blutiger Freitag“) St.-Pauli-Filmreihe mit Curd Jürgens in der Hauptrolle. Veröffentlicht 1968, wird auch hier allem Unterhaltungskino, das Olsens Filme zweifelsohne sind, zum Trotze die Olsen-typische, intelligente gesellschaftskritische Ausrichtung deutlich.

Dr. Jan Diffring (Curd Jürgens) ist Kiezarzt. Er hat das Herz am rechten Fleck, behandelt mittellose Mitmenschen ohne Gage und hat immer ein offenes Ohr für seine Patienten, während um ihn herum die Sünde regiert. Der Prostitution verfallen ist auch Margot, Ex-Freundin des just ahnungslos zurückgekehrten Matrosen Hein (Fritz Wepper, „Derrick“), die eines Tages tot aufgefunden wird. Fortan steht Hein unter Mordverdacht, doch die wahren Täter sitzen in vornehmeren Stadtteilen und gehen einem dekadenten Lebensstil nach. Darin verwickelt ist auch Frauenarzt Dr. Klaus Diffring – Dr. Jan Diffrings ungleicher Bruder...

Olsen versteht es einmal mehr, eine kriminalistische Handlung mit viel nie unpassendem Humor, herrlichem Zeit- und Lokalkolorit und letztendlich dann auch reichlich Spannung und Action zu verbinden. Seine Charaktere, egal ob sympathisch oder unsympathisch, besitzen allesamt Kraft und Ausstrahlung. Mit von der Partie sind der obligatorische Heinz Reincke als alternder Boxer, Horst Naumann als Dr. Klaus Diffring, Friedrich Schütter als erpresserischer Kaffeehändler, Marianne Hoffmann als Heins attraktive neue Liebschaft und Christiane Rücker als abtrünnige Margot. Einige gehörten bereits zuvor bei Olsens großartigem „Wenn es Nacht wird auf Reeperbahn“ zur Darstellerriege.

Die Handlung indes bietet Zündstoff, indem sie die Angehörige der vermögenden Oberschicht zeigt, wie sie für ihr privates Amüsement Menschen ausnutzt und vor illegalen Machenschaften nicht zurückschreckt. Da werden dekadente Partys gefeiert, Mädchen unter Drogen gesetzt und damit willensunfähig gemacht und auch vor Mord nicht Halt gemacht. Das ist der Stoff, aus dem Olsen Anlass für unterhaltsame Krimi- und Actioneinlagen zieht, gepaart mit einem Gesellschaftsbild, das die „Sünder“ – Prostituierte und Kleinkriminelle – als den auf sie herabblickenden, vermeintlichen Saubermännern moralisch überlegen zeichnet.

Inszenatorisch geht es zügig voran, Langeweile kommt auch nach über 40 Jahren keine auf. Der Österreicher Olsen beweist, dass man kein Norddeutscher sein muss, um authentisch wirkende Kiezromantik filmisch umzusetzen und findet die richtige Verteilung der Zutaten zu seiner kurzweiligen, aber erinnerungswürdigen Drama-Krimi-Action-Milieu-Melange mit einem ordentlich Schuss Erotik. Wenn mir auch „Wenn es Nacht wird auf der Reeperbahn“ und „Das Stundenhotel von St. Pauli“ noch besser gefallen haben, hätte auch „Der Arzt von St. Pauli“ mehr Aufmerksamkeit verdient. Irritiert hat mich lediglich eine Dialogzeile Dr. Jan Diffrings, auf die seltsamerweise nicht näher eingegangen wird: Demnach hätte er seiner Meinung nach zu Unrecht zehn Jahre in Haft gesessen, weil er lediglich Befehle ausgeführt hätte – soll das eine Anspielung auf die Verurteilung von NS-Verbrechern in Deutschland gewesen sein? Wenn ja, wundert mich dieser reaktionäre Kommentar, der so gar nicht in diesen Film passen will.

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