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Die Odyssee

Gewohnt bildgewaltiges und düsteres Blockbusterkino vom aktuell angesagtesten Hollywood-Regisseur. Der Allstar-Cast um Matt Damon und Anne Hathaway, der weitestgehende Verzicht auf CGI und Studioaufnahmen sowie eine für Nolan verblüffend geradlinig erzählte Handlung werden sowohl dem Mythos der antiken Vorlage gerecht, wie auch dem Anspruch, den Stoff für ein modernes Publikum greifbar und erfahrbar zu machen.

Die Sagen des klassischen Altertums standen hierzulande noch zum Ende des letzten Jahrhunderts bei vielen bildungsfreundlichen Jugendlichen hoch im Kurs. Die von Gustav Schwab in schlichterer Sprache nacherzählten Epen Homers wurden von Generation zu Generation weiter empfohlen. Inzwischen fristen sie wie viele „angestaubte“ Literaturklassiker ein eher tristes Dasein und könnten dringend eine Popularitätsspritze vertragen.

Da trifft es sich prächtig, dass der momentan einzige generationsübergreifend funktionierende Starregisseur sich Homers Odyssee auf die gewohnt ambitionierten Fahnen geschrieben hat. Schließlich hat er vor gut drei Jahren - wenn auch mit Hilfe eines glücklichen Internethypes - das Fabelstück vollbracht, mit einem sperrigen Biopic über den nicht gerade weltberühmten Atomphysiker J. Robert Oppenheimer fast eine Milliarde US-Dollar einzuspielen und diesen unerwarteten Triumph auch noch mit 7 Oscars zu vergolden. Keine Frage, Christopher Nolan ist der Mann der Blockbusterstunde, ein Wissenschaftsnerd, der intelligente Massenunterhaltung praktisch am Fließband produziert. Ein neuer Nolan ist immer ein Ereignis, das sowohl Publikum wie Presse elektrisiert und damit vor allem auch dem schwächelnden Medium regelmäßig eine ordentliche Frischzellenkur verpasst. Er denkt groß, inszeniert entsprechend bildgewaltig und steht für höchste technische Qualität.

Für einen solchen Visionär ist die Odyssee praktisch der perfekte Stoff. Zusammen mit der Ilias zählt sie zu den einflussreichsten Dichtungen der abendländischen Literatur. Homer erzählt darin die Abenteuer des Odysseus - König von Ithaka - der nach Ende des trojanischen Krieges (Ilias) noch weitere 10 Jahre auf See umherirrt, dabei alle seine Männer verliert um schließlich doch noch als Racheengel und Ordner der Thronfolge heimzukehren. Besonders bekannt sind dabei die Begegnungen mit allerlei Fabelwesen (Kyklopen, Sirenen), Ungeheuern und Zauberern, denen Odysseus mit List und Glück trotzt, bis eben alle seine Gefährten tot sind.

Nolan widersteht der Versuchung, diese bekannten Fantasy-Elemente optisch und mit Hilfe von aufwändigen Computertricks auszuschlachten und bleibt seiner filmischen DNA treu. Wie schon bei seinen Comicverfilmungen um den düsteren Superhelden Batman, verzichtet er auf grelle Effekte und bunten Bombast. Alles wird mit vehementer Ernsthaftigkeit und in gedeckten Farben erzählt und wenn etwas zwangsläufig den Boden der Realität verlässt - wie bei dem Aufeinandertreffen mit einem einäugigen Riesen oder einer Zauberin, die Männer in Schweine verwandelt -, dann zieht Nola nicht etwa die gefälligere Fantasy-, sondern die unbequemere Horror-Karte. Lächerlich oder komisch sind Begriffe, die im Nolanschen Filmvokabular nicht vorkommen, was dem antiken Stoff hier in dem Sinne zugute kommt, dass er Gravitas und Melancholie verströmt.

Wenn man über Nolans Odyssee-Vision spricht, muss aber auch der Cast erwähnt werden. Mit Matt Damon in der Titelrolle, Tom "Spiderman" Holland als sein Sohn Telemachus und Anne Hathaway als seine Gattin Penelope sind die drei Protagonisten sämtlich mit A-List-Stars besetzt. Aber auch in der zweiten Figurenreihe ist das Who-is-who Hollywoods versammelt: Robert Pattinson gibt den ehrgeizigen Thronräuber Antinous, Zendaya ist die Göttin Athene und Lupita Amondi Nyong’o spielt die schöne Helena. Und schließlich sind da auch noch Charlize Theron, Jon Bernthal, Mia Goth, John Leguizamo und Rapper Travis Scott.

Im Blätterwald wie im Netz wurde zuletzt fröhlich gestritten, ob ein solcher Allstar-Cast nicht die Figuren beschädigt, ob eine schwarze Helena tragbar ist und warum keine „echten“ Griechen auf der Besetzungsliste stehen. All das ist in mehrfacher Hinsicht viel Lärm um nichts. Bei der Odyssee handelt es sich um eine Sage, die noch dazu jahrhundertelang lediglich mündlich tradiert wurde. Die großen Monumentalfilme und heutigen Klassiker der 1950er und 1960er Jahre boten ebenfalls alles auf, was seinerzeit Rang und Namen hatte. Und eine solch teure Produktion muss erst einmal wieder ihr Geld einspielen, da schadet eine ordentliche Portion Starpower ganz sicher nicht, um entsprechend Aufmerksamkeit und Buzz zu erzeugen.

Letzten Endes müssen die Schauspieler funktionieren und das tun sie. Matt Damon ist als gerissener Suchender, der zudem von den Auswirkungen seiner Kriegslist um das trojanische Pferd gepeinigt wird, passgenau besetzt und trägt den überlangen Film mühelos. Anne Hathaway und Robert Pattinson sind als auf Ithaka zurück gebliebenes Antagonisten-Paar ebenfalls ein Gewinn für die emphatische Verankerung der fantastischen Geschichte. Selbst der mimisch eingeschränktere und immer ein wenig bubihaft wirkende Tom Holland ist als überforderter und schwächelnder Odysseus-Sohn eine mindestens nachvollziehbare Wahl.

Christopher Nolan wird ohnehin oft nachgesagt, nicht so sehr an seinen Darstellern, dafür umso mehr an den Bildern interessiert zu sein. Das wäre für „Die Odyssee“ eine unfaire Behauptung, was aber nicht bedeutet, dass er in seiner „Kernkompetenz“ nicht abliefern würde. Viel wurde geschrieben und diskutiert über seinen IMAX-Fetisch (der Film ist der erste Blockbuster, der vollständig mit 70mm-IMAX-Kameras gedreht worden war), sowohl was die Herstellung, wie auch die vermeintlich beste Präsentation angeht. Letztendlich ist das alles Teil der großen Marketing-Maschinerie, ohne Nolans Ambitionen auf echtes Filmmaterial zu setzen schmälern zu wollen. Auch auf einer schnöden Riesenleinwand sieht „Die Odyssee“ fantastisch aus. Die extremen Nahaufnahmen der Gesichter lassen zumindest in einigen Szenen jene Emotionalität zu, mit der sich Nolan häufig so schwer tut. Die Landschaftspanoramen, die Aufnahmen der griechischen Schiffe auf See sowie alles um das trojanische Pferd kann man sich als Poster an die Wand hängen. Der Verzicht auf Studioaufnahmen und CGI wann immer möglich, verleiht dem Film zudem eine raue Schönheit und Authentizität, die im heutigen, häufig sterilen Blockbusterkino Seltenheitswert genießt. So ließ Nolan beispielsweise ein echtes Pferd und echte Schiffe bauen, drehte auf der Peloponess, in Marokko , Sizilien, Island, Schottland und der Westsahara, womit auch die mythischen Sagenorte wie die Unterwelt des Hades zu lebensechten Schauplätzen werden.

Ob Nolan mit der Odyssee den Megaerfolg von Oppenheimer wiederholen oder gar toppen kann, bleibt abzuwarten. Darstellerisch, optisch, aber auch dramaturgisch übertrifft er den Vorgänger jedenfalls recht deutlich. Der Protagonist ist hier keine blasse Chimäre, die Dialoge driften nicht in Geschwätzigkeit ab und lassen den wuchtigen Bildern mehr Raum. Vor allem aber wird eine fesselnde Geschichte eines Getriebenen erzählt, der erst nach jahrzehntelangen Irrungen zu sich selbst findet, ohne als strahlender Held dazustehen. Inwieweit Nolan damit den Kern der antiken Dichtung offen legt, ist dabei nur sekundär. Zweifeln, hadern, opfern, sich widersetzen, etwas riskieren und scheitern sind menschliche Eigenschaften, die auch noch im 21. Jahrhundert unsere persönliche Entwicklung beeinflussen und voran treiben (können). Gustav Schwab darf man trotzdem mal wieder lesen. Christopher Nolan hätte mindestens als Ergänzung zum Filmbesuch bestimmt nichts dagegen.

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