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Man nehme: einen sadomasobegeisterten Adolf Hitler, äh, Schwartz, seine ebenfalls untergetauchte, uneheliche Tochter Eva Braun, jr., einen hungrigen Piranha (gespielt von irgendeinem anderen Fisch), eine Polizistin, die zu allem bereit ist, um einen brutalen Mord aufzuklären (außer zu ermitteln), und eine kleine Riege mehr oder minder absurd überzeichneter Hinterwäldler-Klischees – heraus kommt einer der durchgeknalltesten Sexploitation-Trips in Russ Meyers ganzer Karriere!

Mit „Up!“, für den sich der deutsche Verleiher mit „Drunter drüber und drauf“ wieder mächtig ins Zeug gelegt hat, liefert Meyer direkt nach „Supervixens“ einen weiteren irrwitzigen Sex- und Gewaltspaß, der auf klassische Attribute wie Handlung, Dramaturgie, Zusammenhänge, Sinnhaftigkeit, Logik oder Figurenzeichnung verzichtet und stattdessen in Sachen Nacktheit, Sex und Tabuverletzung aus allen Rohren feuert (höhö). So legt der Film direkt mit dem ekligen Adolf los, wie er sich auspeitschen lässt, während er sein Gesicht nacheinander an verschiedenen nackten Frauen reibt – SM und homosexuelle Praktiken werden hier in einer derartigen Deutlichkeit präsentiert, dass die US-Sittenwächter im Quadrat sprangen. Und das ist nur der Anfang: Ein Großteil des Films besteht aus diversen Pärchen, die es kreuz und quer in den Wäldern der Umgebung miteinander treiben, in jeder denkbaren Stellung, mit allen möglichen Requisiten, in allen Konstellationen – hier frönt Meyer seinem schon lange zu beobachtenden Fetisch für Sex in freier Wildbahn ohne jede Hemmung. Da gibt es eine Menge nackte Haut beiderlei Geschlechts zu sehen, die immer wieder in gewagt-cleveren Kameraausschnitten präsentiert wird – etwa Zooms auf weibliche Geschlechtsteile, die nur durch die üppige Schambehaarung verdeckt werden, auf ein kleines Hüfttattoo oder einfach direkt auf wogende Riesenbrüste. Auch der eine oder andere Penis wird genüsslich ins Bild gerückt, sodass der Film auch hierzulande lange mit einer Einstufung als pornografisch zu kämpfen hatte.

Dabei braucht es keinen Detektiv, um zu bemerken, dass auch hier wieder allerlei Themen angerissen werden, die mit klassischer Erregung in Erotikfilmen nicht viel zu tun haben. So scheint Meyer bei aller plumpen Voyeursgeilheit doch ein Gespür für die Gefahren zu haben, denen Frauen im Patriarchat ausgesetzt sind: Gleich am Anfang wird die ermittelnde Margo Winchester beim halbnackten Joggen erst von einem Autofahrer bedrängt, dann entführt, schließlich brutal zusammengeschlagen und vergewaltigt. Dass sie sich direkt im Anschluss an ihrem Peiniger mit nicht minderer Gewalttätigkeit rächt, lässt die Logik der damals hochgehypten Rape-and-Revenge-Filme durchschimmern. Auch später wird die Objektifizierung, Erniedrigung und brutale Übergriffigkeit gegenüber Frauen mehrmals thematisiert, etwa wenn Margo beim Table Dance von einem Amok laufenden Holzfäller attackiert wird. Frauen dürfen selbstbestimmt vor geifernden Männern tanzen und strippen, doch diese Männer sollten die festgesetzten Grenzen der Frauen respektieren – das mag eine diskutable Definition von Feminismus sein, doch immerhin zeigen solche Elemente, dass Meyers Filme bei all ihrer platten Voyeurshaftigkeit doch nicht so ganz primitiv und frauenfeindlich sind, wie sie gerne hingestellt werden.

Doch über all dieser subversiv eingestreuten gesellschaftskritischen Relevanz vergisst „Up!“ natürlich nicht den Unterhaltungsfaktor. Und der ist hier wahrhaft gewaltig: In schnellem Rhythmus folgt eine feuchtfröhliche Sexfantasie der nächsten, zwischendurch kommentiert von einer sichtbaren Off-Erzählerin, die ihren gesamten Auftritt splitternackt absolviert; von kriminalistischen Ermittlungen ist weit und breit nichts zu sehen, sodass die finale Auflösung geradezu lachhaft hanebüchen daherkommt – wie überhaupt der ganze Schlussteil mit dem urplötzlich Amok laufenden Holzfäller und einem Kampf auf Leben und Tod mit Axt und Kettensäge dramaturgisch wie aus dem Nichts daherkommt und dermaßen schockierend blutrünstige Bilder präsentiert, dass man sich fragt, ob die drei Drehbuchautoren überhaupt mal miteinander gesprochen haben.

Inhaltlich wird hier also wirklich gar nichts geboten (was sich auch in einer gewissen repetitiven Tendenz zeigt, wenn einzelne Sequenzen und rhetorische Fragen der Erzählerin wiederholt werden, um auf 80 Minuten Laufzeit zu kommen). Auch kann man hier erneut trefflich über sexistische und diesmal homophobe Tendenzen diskutieren, ebenso wie über die grundsätzliche Geschmacklosigkeit des Films. Aber „Up!“ ist nun mal ein Musterbeispiel für wilden 70er-Jahre-Sexploitation-Trash – und als solcher kann er bei aller politischen Unkorrektheit eine ganze Menge Spaß machen!

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