Und noch eine Kuriosität aus dem Nussknacker des Vergessens gepuhlt: „Der Tote, der nicht sterben wollte“!
Kennt ihr nicht?
Okay, dann vielleicht per Originaltitel : „Neither the Sea nor the Sand”!
Kennt ihr auch nicht?
Ist auch kein Wunder, so ziemlich niemand kennt diesen Küsten-Fellini, den im seligen „Lexikon des Horrorfilms“ von Hahn und Janssen damals mit anderthalb Sätzen bedacht wurde und so den Eindruck erweckte, hier ginge es um eine Bekloppte, die sich eine schöne Zeit mit dem verrottenden Leib ihres Geliebten macht, ehe er irgendwann stiften geht und ins Meer läuft.
Genau deswegen hab ich mir das Ding (gleich nach „Voices/Stimmen“ aus dem Jahr darauf) auch überhaupt nur angesehen und will jetzt sofort an die Ostseeküste für einen ausgedehnten Strandurlaub.
Wie könnte es anders sein: natürlich ist der fertige Film ein ganz anderer. Tatsächlich rollt hier vor unserem faszinierten Augen eine klassische Liebesgeschichte vorbei, die von der allein urlaubenden Ehegattin (oje!), die auf einen Leuchtturmwärter namens Hugh auf der schönen Insel Jersey trifft. Obwohl Hugh ausschaut wie ein robuster Nebelmörder verfällt sie schon bald seinem Seebärencharme und er dem ihren.
Nach ein paar schicken Tagen gemeinsam verfallen sie auf den Masterplan aller Arbeitnehmer: warum brennen wir nicht durch und lassen es uns gutgehen, obwohl sie sich streng genommen sowieso schon im Urlaub befindet. Als düsen die beiden in ein kleines schottisches Nest am Meer (was praktisch ist, so muss man den Drehort gar nicht wechseln), wo Hughs Bruder wohnt.
Nun folgt nach allerlei kameratechnisch beeindruckend eingefangener Naturidylle die Wende ins Tragische: beim nächsten Balz-Joggen am Strand macht Hughs Pumpe plopp und der bärigste Bär lebt im nassen Sand ab.
Das will die verzweifelte Anna aber nun gar nicht wahrhaben, denn Hugh hatte ihr ja glaubhaft versprochen, sich niemals nicht wieder zu verpieseln. Sie vertritt diese Überzeugung dann offenbar so nachdrücklich bei Bruder, Arzt und Beerdigungsunternehmer, dass 24 Stunden später, in der blauen Morgenstunde, der gute Hugh einfach mal so nach Hause zurück kehrt.
Gut, er ist nicht ganz derselbe.
Er bewegt sich eckig, er redet nicht, notfalls kommuniziert er jetzt telepathisch. Man kann ihm aber Befehle erteilen, die er mit Zeitverzögerung ausführt. Und er hat immer noch diesen unmenschlich starrenden Blick, wenn er Anna beim Frühstück die Hand hält.
Ganz klar, die Sache ist gegen die Natur und deswegen wird der untote Wiedergänger daheim versteckt, schließlich sehen hier die meisten Einheimischen aus, als würden sie mit Schafen verkehren oder Widder verehren, was weiß ich. Aber „Time flies“ und damit setzt dann bald besagter Prozess ein, der unumkehrbar ist: der Wille Hughs hält ihn vor Ort, aber der Körper lässt alsbald nach. Natürlich wird daraus kein grober Schlonz derer von Apfelmus, aber er benötigt schon bald dringend eine Gesichtscreme, eine Hand wird schwarz und als singulären Schockeffekt des kompletten Films werden seine Augen bald ungesund feuchtglitschigdüster.
Weil das natürlich keine Basis für eine Beziehung ist, entscheidet Hugh bald, dass es so nicht weiter geht und marschiert irgendwann los, um ins Meer zu laufen – denn wie der Titel (eine Gedichtzeile übrigens) besagt, kann weder See noch Sand ihre Liebe zerbrechen. Anna hat inzwischen zwar einen neuen Verehrer am Hacken, doch sie ist Hugh bald auf den Fersen und geht schließlich Hand in Hand mal den Meeresgrund erkunden.
Ist nicht so dolle?
Dann müsstet ihr die vollen 90 Minuten sehen.
Im Wesentlichen ist die Chose eine ordentliche Love Story vor toller Urlaubskulisse, die dann ins Tragisch-Bizarre abrutscht. Zwischendurch lebt noch mal jemand ab und sorgt für ein weiteres visuelles Highlight durch einen Autounfall, aber gegen Ende gerät der Film zur Tragödie pur. Und schwergemütig geht dann auch die Story zu ende, die sich wie Kaugummi dem unausweichlichen Sonnenuntergang entgegen quält.
Dennoch, das sieht alles so chic aus, dass man sofort die Koffer packen möchte und selbst der gute alte Poe hatte ein Jahrhundert früher mehr Schmodder in seinen Stories, aber dennoch wird die zweite Hälfte irgendwann zum Geduldsspiel, weil man auf einen Knall wartet, der aber leider nicht mehr kommt.
Die beste Szene ist jedoch wirklich eindrucksvoll, als Hugh zum Spaß an einem Felsendurchlass immer wieder vor der haushohen Brandung wegrennt, die sich durch die Lücke ergießt – ein Naturspektakel für das ich sofort inneren Szenenapplaus gespendet habe und das für den Darsteller in der Tat lebensfgefährlich aussieht.
Ergo ist also nichts mit Nekrophilie, eher mit Nekro-WG, aber wer die raue See und die Küste liebt, wird hier vielleicht das eine oder andere Highlight für sich finden. (5/10)