Wenn man ein 17-jähriges Mädchen nach einer mit ihrem Freund durchtanzten Nacht unter Drogen auf einem Berliner Hochhausdach herumstolpern sieht, da kann einem schon mal ganz anders werden. Zumal diese Szene in diesem Film in einer quälend langen Einstellung gedreht ist, die Kamera erst unendlich langsam an das junge Pärchen auf dem Dach heranzoomt, dann immer wieder die Gegend betrachtet, eine tolle Aussicht, sicher, wenn da nicht dieses mulmige Gefühl wäre.
Das mulmige Gefühl wird den Zuschauer auch in den auf diese Szene folgenden knapp zwei Stunden nicht verlassen. Der Stein im Magen, er wird nicht weggehen.
Nicht, wenn wir mit einer merkwürdigen Ersatzfamilie auf Gartenfesten herumhocken wie Falschgeld, nicht, wenn wir uns im Worldbuilding eines Minecraft-Spiels verlieren, nicht, wenn wir gemeinsam mit diesen Menschen, die eigentlich nichts und doch irgendwie alles verbindet, überraschend in den Urlaub fliegen und mit einer möglicherweise noch viel größeren Überraschung zurückkehren.
EVERYTIME ist ein beklemmender Film, der sich immer haarscharf an der Grenze zum „Trauerporno“ bewegt. Dabei sehen wir kaum leidende Menschen, es sind eher leere Personen, einem essenziellen Inhalt beraubt, ratlos in die Vergangenheit blickend. Das ist schwere Kost, die einen trotz durch die Bank sehr guter darstellerischer Leistungen seltsam unberührt zurücklässt.
Die Inszenierung ist die meiste Zeit bewusst zurückhaltend, die Kamera ein stiller Beobachter, der auch mal minutenlang in einer Situation verharrt, ohne dass auf der Oberfläche etwas geschieht. Die Regisseurin vertraut hier zu Recht ihren Darsteller*innen und den Zuschauenden, die die Leerstellen des Films mit möglicherweise eigenen Erfahrungen füllen mögen.
Als „Experiment in Trauer“ ist dies durchaus interessant, wer ungern zwei Stunden lang im Kino- oder Fernsehsessel unruhig herumrutscht, sollte diesen Film lieber meiden.