Review

Die Pubertät ist eine Zeit der Selbstfindung, der Kanalisierung von Energien und der Träume. Oft eher in Erwartung eines komödiantischen Aspekts abgedroschen ist James Beshears’ einziger Film Hausaufgaben im Wesentlichen ein Drama, welches einen Lebensabschnitt eines Jugendlichen nachfühlbar porträtiert und die Unwirklichkeit dieser Zeit authentisch interpretiert.
Das Hauptaugenmerk umkreist den Schüler Tommy (Michael Morgan), der zeitgleich Antrieb seiner Clique ist und stets visionär an die Erfolge seiner Ideen glaubt. Gemeinsam haben die Freunde, daß sie sich der Schule abwenden und ihre Leistungen stark nachlassen. Die Gründe, wenngleich unterschiedlich ausgestaltet, beruhen in der Regel auf dem Entdecken der eigenen Sexualität. So ist es dann schließlich Tommy, der eine Psychologin aufsucht, weil er Medien wie Schulhofgesprächen entnimmt, als Jungfrau ein Abweichler zu sein.

Auch wenn in Tommys extravaganten Wunschvorstellungen bare Busen auftauchen, so lebt Hausaufgaben weder von graphischer Offensive noch von der hierin enthaltenen Komik. Es ist ein Teilaspekt. Mit einem Kumpel gründet Tommy schließlich eine Band, um alle Mädels bekommen zu können. Aus dem Umfeld werden, auch unter Abstrichen, die Schulkameraden als Mitmusiker vereinnahmt. Auch die Bassistin nutzt die Band als Vehikel, stellt ihren musikalischen Act werbend auf dem Skateboard vor, nur um sich kurz darauf einen gepflegten Tripper einzufangen.
Ein prüde bemühter Lehrfilm in der Klasse belegt, wie schlecht es um die Aufklärung der Jugendlichen steht. Auch Zuhause ist man entweder christlich streng oder mit allem glücklich, was dem Kind Freude bereitet. Es sind generelle Enttäuschungen. Die Eltern gehen den ihnen entwachsenden Kindern in ungelenk montierten Rückblicken auf die Spur – wie waren sie selbst eigentlich in diesem Alter?

Gerade die nachlässig scheinende Mise en scène ist es, die Hausaufgaben eine gewisse Trostlosigkeit verleiht. Dies spielt dem dargestellten Schicksal Tommys nur zu, dessen Freundin Sheila (Erin Donovan) voll auf ihr Schwimmtraining konzentriert ist, obwohl ihre Zeiten deutlich für eine Aussichtlosigkeit des Unterfangens hindeuten. Vermutlich ist dieser Schmerz auch der Quell für die unnachgibige Kreativität des Jungen, der sich in der Band The Flys verausgabt, jedoch von einer Hure ins Stundenhotel gelockt nicht zu einer Errektion im Stande ist.
Von Sheilas Mutter (Joan Collins, in einer kurzen Nacktszene übrigens gedoubelt) weniger zum Trost denn zur Stillung eines spontanen Verlangens ihrerseits schließlich verführt, ist es für Tommy nur ein kurzer Moment der Erfüllung. Dennoch schlummert in ihm die Begeisterungsfähigkeit eines Kindes, was ihm hilft, einen Mißerfolg im Fluge zu überwinden, nur um mit gleichem Tatendrang das nächste Projekt anzugehen.

James Beshears entläßt seinen Zuschauer in die Ungewißheit. Sollte sich Tommy nun wirklich einmal um seine Hausaufgaben kümmern oder hat er diese unlängst im Leben ausgeführt? Kann aus diesem Jungen, der aus einer recht wohlgestellten Gesellschaft stammt, auch etwas werden, weil er diesen Traum hat? In der Realität werden diese fixen Ideen nie enden, jedoch wird sich die Grundlage zersetzen, in dem die Begeisterungsfähigkeit seiner immer gleichen Mitstreiter nachlassen wird. Was er benötigt ist eine Umgebung, die darauf ausgelegt ist, ihn in seinen Visionen zu unterstützen und diese zu manifestieren. Er kann so Triebfeder sein oder auch Vehikel für denjenigen, welcher in der Lage ist, die ungeschliffenen Kreationen in eine Ordnung zu bringen. In der Regel jedoch wird auch ihn das Leben einholen.
Mag der aufgezeigte Eskapismus auf Jugendliche begründet in dem schonungslos zermürbenden Blickwinkel noch befremdlich oder sogar abstoßend wirken, so blickt man als Erwachsener doch voller Wehmut auf diese Motive, die von einer Zeit sprechen, in denen Sorgen eine andere Bedeutung hatten und ein verträumter Idealismus noch lebenswert war.

Hausaufgaben ist kein einfacher Film und kein Film für Jedermann. Dieses Werk entfaltet seinen Charme in einer Unvollkommenheit, die seine Stärken abhängig vom Zugang seines Rezipienten freigibt. Möglicherweise beinhaltet dies auch eine Neubegegnung in unterschiedlichen Lebensabschnitten, um für die ausgestrahlten Emotionen empfänglich zu sein. Ohne inhaltlich exakte Parallelen aufzuweisen steht Hausaufgaben so in einer gewissen Tradition mit Filmen wie Jeanies Clique oder St. Elmo’s Fire, die ein Publikum zutiefst berühren oder auch einfach kalt lassen können.
Interessant ist nebenbei bemerkt der zeitliche Spagat des Films, wirkt Hausaufgaben in seiner Ausstattung und dem Faible für Boogie Rock den späten 70ern entlehnt. Freunde der Drei ??? freut es, daß in der deutschen Synchronisation die Rolle des Tommy durch Jens Wawrczeck übernommen wird und in einer Nebenrolle Andreas von der Meden zu hören ist.

Details
Ähnliche Filme