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Tim Burtons neuestes Werk "Big Fish" lädt zum Träumen ein. Ein ruhiger, zauberhafter Traum, bei dem man allerdings seine Augen auflassen sollte. Wenige Minuten nach Beginn des filmischen Traums hat "Big Fish" seinen Zuschauer schon in seinen Bann gezogen, und man ist inmitten eines farbenfrohen Märchens: optimistisch, verzückend und von Grund auf gut.

Grundlegend geht es in "Big Fish" um eine angeknackste Vater-Sohn-Beziehung: Während Papa Ed Bloom ständig in die Rolle des exzentrischen Märchenerzählers zu schlüpft, um sein Publikum mit fantastischen, angeblich autobiographischen Spinnereien zu unterhalten, ist Sohnemann William von dem Ego und von dem Anglerlatein seines Vaters genervt, und distanziert sich letzten Endes von dem Leben seines Daddys. Erst als dieser im Sterben liegt, kehrt Will mit seiner Frau Josephine in sein Zuhause zurück, um sich mit seinem Vater auszusprechen. Doch selbst geschwächt vom Krebs und dem Tod ins Auge blickend, läßt Ed nicht von seinen ausgeschmückten Erinnerungen ab. Während Regisseur Burton uns die Geschichte Ed Blooms in dessen märchenhaft-übertriebener Version zeigt, versucht Will in der Gegenwart Hin- und Beweise für das wahre Leben seines Vaters zu finden.

Eds Geschichten werden auf der Leinwand zu einem bunten Märchenbuch. Ed, ein anständiger junger Mann, trifft auf Hexen, Riesen, versteckte Städte, siamesische Zwillinge und, und, und. Burtons Kreativität scheint auf dem Zelluloid schier explodiert und zu einem gigantischen Triumph zusammengewoben worden sein. Vorbei scheinen die Zeiten, in denen Burton in seinem filmischen Output Düsternis und Pessmismus ("Sleepy Hollow", "Planet der Affen") vorherrschen ließ - in "Big Fish" liegt eine zu seinen bisherigen, gar zynischen Werken (vergleiche "Edward mit den Scheerenhänden") völlig konträre, naive Harmonie. Jeder Mann hilft seinem Nächsten, die Liebe triumphiert über alle Hindernisse, und selbst das Sterben wird hoffnungslos romantisiert. Wer würde seinen Abgang vom irdischen Leben nicht gerne so glücklich, prachtvoll und verrückt erleben, wie in diesem Film Edward Bloom? In "Big Fish" gibt es nicht mal einen klassischen Bösewicht: Der Riese entpuppt sich als herzensguter Weggefährte, die Hexe als anachronistische, unerfüllte Liebe - selbst der Krieg, zu dem Ed einberufen wird, wird lieber ausgelassen, als dass man der unbekümmerten Atmosphäre hier einen Bruch gewähren ließe.

Vorbei sind auch die Zeiten für Regisseur Burton, in denen er sich nur auf die Optik seiner Filme verlässt. In einem Projekt, das über das Leben eines Geschichtenerzählers berichtet, muss Burton selbst zu einem Geschichtenerzähler werden, und muss alte Unzulänglichkeiten bezüglich Spannungsaufbau und Storyline überwinden. Burton schafft es erstaunlicherweise seinen Film, dessen Narration ständig zwischen Vergangenheit, Gegenwart, Realität und Fiktion hin- und herspringt, rund wirken zu lassen. Nie fühlt man sich durch die Wechselhaftigkeit in der Erzählung gestört oder vor den Kopf gestoßen. Ed Bloom sagt in einer Szene, dass die meisten Menschen eine Geschichte geradlinig und wahr erzählen, und das dies zwar weniger kompliziert wäre, aber auch gleichzeitig viel weniger interessant. Und genau dies hat glücklicherweise Tim Burton berücksichtigt, und hat eine etwas kompliziertere Art des Storytelling benutzt, dafür aber das Interesse seines Publikums auf ganzer Linie gewonnen.

Während man also Regisseur Burton und ganz sicher der gesamten Effects-Crew für all den Zucker für die Augen dankbar sein kann, darf man die großartigen Darsteller nicht vergessen: Das Doppelgespann Ewan McGregor und Albert Finney, die den selben Mann in unterschiedlichen Epochen darstellen, und überraschenderweise kleine, physische Ähnlichkeiten aufweisen, allein ist die Kinokarte wert. Auch wenn die Rollen von so begabten Darstellern we Jessica Lange, Steve Buscemi, Danny DeVito, Helena Bonham Carter oder Billy Crudup verhältnismäßig klein gehalten wurden, spielen sie jede Szene mit Hingabe, ohne Aussetzer. Hinzukommt der wunderbare Soundtrack von Danny Elfman, der, ähnlich wie Burton, weg von seinen düsteren Wurzeln im Komponieren musste, und einen fröhlicheren Score schrieb.

Nichts von alledem in "Big Fish" scheint realistisch, oder ins wahre Leben ernsthaft übertragbar. "Big Fish" ist dennoch ein Film für Träumer, deren Horizont nicht an den Grenzen der Logik oder des kalten Realismus endet. Ein wunderbares Fantasieepos, das auf jegliche Rationalität pfeift. Für knallharte Realisten mag "Big Fish" irritierend sein, für diejenigen, denen Mythen, Magie, Poesie und die eine oder andere zum Schmunzeln anregende Anekdote noch etwas bedeuten, die können sich im Kinosessel entspannt zurücklehnen, und einen wunderbaren Traum für die nächsten 120 Min. erfahren. Der Weg nach dem Abspann in die kalte Realität dürfte dann aber umso schwerer fallen.

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