„Der Zauber, der ein Leben zur Legende macht!“ – Brrr, brauchen wir jetzt schon solche Titelunterschriften, weil das Gros der Kinobesucher sonst nicht weiß, worum es in dem Film geht, der da auf sie zu kommt?
Offensichtlich leider schon, dabei sollte der Name Tim Burton bereits ausreichend sein für die Schlagworte „Skurrilität“ und „Emotion“. Beide kommen in „Big Fish“ wieder mal reichlich zur Anwendung. „Münchhausen“ ist auch so ein Schlagwort, das sich einem während der Rezeption ins Bewusstsein schleicht, denn die Geschichte von Edward Bloom, die Geschichte seines Lebens, ist nichts anderes als eine magisch-märchenhaft aufgerüschte Version desselben.
Nun ist Edward alt und krebskrank, doch noch immer genügt dieser Erzähldrang seinem Sohn nicht, der möchte den richtigen Vater kennen lernen, mag er auch eventuell nicht so interessant sein, wie in seinen tausendfach erzählten Geschichten. Doch bisweilen kann man eben nicht sicher sein, wie nah ein Märchen an der Wirklichkeit ist -–und das wird auch Burton gereizt haben.
Episodisch erzählt Burton das Leben von Bloom nach, beschreibt Szenen aus der Kindheit, sein Auszug in die Ferne, seine große Liebe und die Geschichte von der Frau, die ihn zwar wollte, aber nie einfangen konnte.
All diese zauberhaften Episoden bieten genug Platz für Burton, seinen Gefallen am Ungewöhnlichen, Bizarren, Unheimlichen und Wunderbaren zu demonstrieren.
Ein riesenhafter Mensch wird so gleich fünf Meter hoch, die perfekte Stadt wirkt in ihrer Perfektion wie eine gruselig-liebevolle Falle, ein Regenguss läßt ein Auto wie in einem Fluss versinken, ein Werwolf will nur Stöckchen holen, ein Weg durch einen Wald ist mit Würgeranken und Springspinnen gepflastert. Und wenn die große Liebe erscheint, bleibt buchstäblich die Zeit stehen, auf das Edward fliegendes Popcorn mit der Hand aus der Luft fischen kann.
Das alles ist zumeist metaphorisch gemeint, psychologisch unterstrichen – der Weg eines Mannes, der es sich nicht zu leicht machen wollte, dessen Möglichkeiten begrenzt, aber dessen Ehrgeiz unendlich war. Eingefangen in prachtvollen Bildern und mit dem üblichen mitreißend aufspielenden Cast besetzt, bietet Burton einen Burn-Out an Visualisierung, um eine im Grunde rührselige Vater-Sohn-Geschichte von Kitsch zu entgiften.
Und auch wenn man das Ende bald erahnt, so kommt es dann so folgerichtig und die eigenen Wünsche bestätigend, wie es nur sein könnte.
Was fehlt, ist wegen der Episodenstruktur eine gewisse Geschlossenheit. Manche Szenen scheinen nur wegen der Skurrilität vorhanden zu sein (die Koreakriegepisode), andere brechen den Zauber mit der Einordnung in einen historischen Kontext. Natürlich kommt es dem Film nur auf die jeweilige Sichtweise des Zuschauers an, doch die eher perfekt zauberhafte Erringung der einzig wahren Liebe, will stilistisch nicht so recht zur Stadtrettung in den 60ern passen.
Die Schauspieler sind wie meistens bei Burton in erhöhter Spiellaune. Finneys alter Edward ist ein liebevoller Genuss, der erste Todkranke im Film, den man gern in jeder Szene dabeihätte. Crudup hat leider nur wenig zu tun, so dass der Film an Ewan McGregors jungem Edward hängen bleibt. Und obwohl er sich bemüht und in einigen Szenen zu großer Form aufläuft, fehlt ihm einfach Strahlkraft und Charisma, um über seinen sonst erfreulich realistischen Anstrich hinwegzukommen.
Insgesamt ein Film zum Mitfühlen und Genießen, der jedoch nicht wirklich ewig vorhält, aber immerhin einen Kreis schließt und der seine Botschaften in Bildern auszudrücken versteht, auch wenn es vielleicht ein paar Botschaften zu viel sind. Sicher nicht der beste Burton, aber nach „Planet der Affen“ wieder ein echter. (8/10)