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Eine Karibikinsel im Jahr 1835: Die sadistische Plantagenbesitzerin Lady Susan lässt ihre Sklaven von einem rassistischen Aufseher antreiben und bis aufs Blut bestrafen. Auch sie selbst greift gerne mal zur Peitsche, wenn sie nicht männliches Personal für sexuelle Befriedigung abstellt. In dieses grausame Biotop dringt ein englischer Lord unter falschem Namen als Buchhalter ein, um herauszufinden, was mit seinem verschollenen Bruder geschehen ist, dem verschwundenen Ehemann Lady Susans. Hautnah erlebt er mit, wie die geschundenen Sklaven zum blutigen Aufstand übergehen und sich der Gewaltherrschaft entledigen...

„Blacksnake“ ist in jeder Hinsicht ein Monolith in der Filmografie Russ Meyers. Einfach nichts hier gleicht all seinen anderen, meist ähnlich gelagerten Werken: Es ist sein einziger Film mit einem historischen Setting (auch „Wilde Weiber im nackten Westen“ ging nicht so weit in die Vergangenheit); sein einziger Film, der so offen und zentral die Unmenschlichkeit von Rassismus und Sklaverei anprangert; mit Abstand sein gewalttätigster und grausamster Film; und nicht zu vergessen, sein sex- und nacktheitslosester – wer hier hereinstolpert, wird bis auf eine kurze Bettszene nichts Meyer-Typisches finden. Und trotzdem – oder vielleicht gerade deshalb? – gehört „Blacksnake“ zu seinen allerbesten Werken.

Was noch am ehesten an Meyer erinnert, ist der raue, grobe und überaus geradlinige Stil, in dem das alles erzählt wird: Innerhalb kürzester Zeit werden eine ganze Reihe von Themenkomplexen zumindest angerissen – die unmenschliche Grausamkeit der Sklaventreiber; die rassistische Weltsicht der Weißen, die die Schwarzen nur für Arbeitsvieh halten; sogar die inneren Konflikte der schwarzen Gemeinschaft: So gibt es etwa einen Zwist zwischen einem jungen Sklaven, der seine Mitgeschundenen zum brutalen Aufstand antreiben will, und dessen Vater, der mit Jesus Frieden, Vergebung und Schicksalsergebenheit predigt. Und mit der Figur des schwarzen Oberaufsehers, der seine Herkunft von einem Volk von Kriegern ableitet, sich deshalb als etwas Besseres ansieht als die gemeinen Sklaven und mit Freuden zu ihrer Entmenschlichung beiträgt, bietet der Film gar eine so diffizile Darstellung von Rassismus und seinen Helfershelfern, wie man es in nur wenigen thematisch ähnlich gelagerten Hollywood-Großproduktionen findet. Wie kann es denn sein, dass ausgerechnet ein so verrufener Schmuddelfilmer einen der seinerzeit klügsten und in der Darstellung der ungeheuren Grausamkeit von Sklaverei drastischsten Filme schuf?

Und drastisch ist dieses Werk wahrhaftig: Anstatt Sex und großer Busen gibt es hier sehr viel Blut zu sehen, Gekreuzigte, die in der tropischen Sonne qualvoll verdursten, mit Macheten Zerhackte und ähnliche Brutalitäten. Auch wenn die Effekte oft nicht allzu überzeugend ausfallen (das Blut ist viel zu hellrot) und viele Gewaltakte nicht explizit gezeigt werden, sondern knapp außerhalb des Bildes stattfinden, erzeugt „Blacksnake“ doch schnell eine Atmosphäre krasser Brutalität. Dazu trägt das intensiv-widerliche Spiel der Darstellenden bei (allen voran Anouska Hempel als bösartige Lady Susan, die mit stechendem Blick so viel Verachtung in ihre Mimik legen kann, dass es einem kalt den Rücken herabläuft), aber auch das schnelle Erzähltempo, das mit flottem Schnittrhythmus und dramatisch-pathetischem Score für einen durchgehenden Spannungsbogen sorgt.

Auch das macht „Blacksnake“ zu einem von Meyers besten Werken: Wo andere Filme immer wieder dramaturgische Durchhänger hatten, merkt man hier, dass er wirklich viel zu erzählen hatte. Und so rast der Film durch seine 75 Minuten Laufzeit und bringt im Minutentakt drastische Höhepunkte, Gefahren, Bedrohungen, Anspielungen und schließlich blutig-brutale Kämpfe. Für Langeweile ist hier absolut keine Zeit, stattdessen fiebert man mit den geschundenen Figuren mit, die in tollen, sichtbar günstigen und doch überzeugenden Kulissen für ein menschenwürdiges Leben kämpfen.

Wer hier mit der üblichen Erwartungshaltung an einen Russ-Meyer-Film herangeht, wird entweder schwer enttäuscht oder hellauf begeistert sein – bis auf eine obligatorische Szene, in der Lady Susan den neuen Buchhalter zu verführen sucht, gibt es weder Nacktheit noch Sex. Stattdessen ist „Blacksnake“ ein Fanal des Antirassismus, das am Ende gar in symbolhaften Bildern gipfelt, wenn nackte Pärchen verschiedener Hautfarben in Zeitlupe einer idyllischen Zukunft entgegenlaufen. Mit diesem Werk hat Meyer einen der markantesten, drastischsten und verblüffendsten Filme gegen den Wahnsinn rassistischer Ideologien kreiert – vielleicht sein rohes, brutales, im Herzen tief humanistisches Meisterstück!

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