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Was für eine Abwechslung in Zeiten von effekthascherischen, überladenen Animes und kitschigen Disney-Massenprodukten mal einen Zeichentrickfilm zu sehen, der von allen derzeit gängigen Klischees der Branche gar nichts wissen will. In einer europäischen Coproduktion entstand ein herrlich skurriler, subtil-satirischer und intelligent komischer Trickfilm: "Les triplettes de belleville".

Fast ohne Dialoge, mit der Kraft der Bilder, wird die Geschichte von einem Tour-de-France-Fahrer, seinem fetten Hund und seiner Oma erzählt. Schon zu Kindestagen trainierte er hart für das Rennen, doch als es so weit ist, wird er während einer Bergetappe von der französischen Weinmafia von Belleville, einer Großstadt auf der anderen Seite des großen Teiches, entführt. Er soll mit zwei anderen Fahrern dem Boss zur Belustigung dienen. Doch die Rechnung wurde ohne seine Oma und den Hund gemacht. Diese schippern mit einem Tretboot hinterher und nehmen es zusammen mit drei alten Damen, die früher einmal als singende "Triplettes de belleville" bekannt waren, mit den Mafiosi auf.

Vom typischen Disney-Kitsch findet sich in dem Film kaum etwas. Die meisten Zeichnungen wirken wie zu ganz alten Trickfilmzeiten, aber trotzdem modern. 3D-Einlagen, wie etwa weite Kamerafahrten, oder das Meerwasser, sind gut in die Animation integriert und verschmelzen mit dem Rest zu einem originellen und kunstvollen Stil. Auch den kindischen Japanerhumor, der selbst in Erwachsenen-Animes breitgetreten wird, sucht man vergebens. Man lacht hier eher wegen skurriler Einfälle, intelligenter Satire oder frecher Parodie. Besonders lustig ist etwa, wie die drei alten Damen Essen besorgen. Eine geht zum Meer, wirft eine Granate rein, hält einen Kächer vor sich und einen Regenschirm über den Kopf. Durch die Wasserexplosion fallen dann zahlreiche mehr oder weniger bereits vorgeschädigte Frösche rein. Die gesunde Prise schwarzen Humors ist hier sicher nichts für Mitglieder des Krötenschutzbundes.
Die gekonnte Überzeichnung von charakteristischen Proportionen und Bewegungen macht einen Großteil der satirischen Elemente aus. Ob wadenmuskelbepackte Radfahrer, überfette Amerikaner oder schmierige französische Kellner - alle werden sie gnadenlos lustig karikiert. Köstlich auch Belleville selbst als Hybridenstadt irgendwo zwischen New York und San Francisko mit der genial getroffenen Freiheitsstatue. Zu der gelegentlich brillianten Situationskomik und Ironie gesellt sich schließlich noch etwas Parodie dazu: Wunderbar werden Mafiaklischees aus den unzähligen Filmschinken ins Groteske überzeichnet. Das Aussehen des typischen Handlangers als viereckiger Schrank spricht schon Bände.

Trotz einiger Längen im Mittelteil ist "Belleville" wirklich ein erfrischend kunstvoller, erwachsener Animationsfilm, was in Zeiten von kindischem Haudrauf-Humor und übermäßigem Kitsch gerade in dieser Branche ein Lichtblick ist. Wenn man alleine schon über die Art der (Über-)Zeichnung und Darstellung lachen kann, dann ist das bereits mehr, als in den letzten Jahren zu finden war. Der Film hat Niveau hinsichtlich Form und Inhalt - das ist etwas besonderes. Da wundert man sich nicht mehr, dass "Belleville" zum Publikumsliebling in Cannes avancierte. 8/10.

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