Russ Meyer war scheinbar nicht nur Papst des Oberweitenfilmes, sondern auch durchaus ein fähiger Dramatiker. "Im Garten der Lüste" ("Mudhoney" im Original) beweist, dass das Übel dieser Welt einer alten Binsenweisheit nach nicht immer auf leisen Sohlen kommt, sondern manchmal auch mit schweren Schritten durch die Tür poltert und, dass manch Unsympath scheinbar das kleinere Übel zu sein scheint, wenn man eine Hand voller südstaatentypischer Feuer und Schwefel-"Christen" vor der heiklen Wahl zwischen zwei biblischen Unsittlichkeiten stellt. Aber alles mal schön und gesittet der Reihe nach, wir werden hier schon noch oft genug Anstoß nehmen.
Die Wurzel allen Übels ist hier der versoffen Farmer und nebenberuflich Hurenbock Sidney. Wenn der sich nicht gerade im Familienpuff einer Schwarzbrenner Sippe die Zeit mit Schnaps und Sex vertreibt lässt er seinen selbstgerechten Weltschmerz an seiner Gattin Hannah und ihrem gutherzigen, aber schwerkranken Onkel Leute aus. Zum Glück im Unglück für beide spühlt die Wurtschaftsdepression den gepeinigten Pechvögeln den Ex Knacki und Wanderarbeiter Calif vor die Tür, der nicht nur die maorde Farm wieder in Schuß bringt, sondern mitunter auch Sidneys auf Abstand hält. Zudem darf Hannah endlich mal mit einem sensiblen, sanften Kerl anbandeln statt ständiger sexueller Erniedrigungen durch den Göttergatten zum Opfer zu fallen.
Bei einer Prügelei zwischen Sid und Kal mischt sich ausgerechnet der Dorfpfaffe (ein nach Schwefel und Fanatismus sinkender alter Zausel) ein und deutet Sids Verhalten als verzweifelten Versuch, seine vom Alkohol aufgeweichte Ehe davor zu retten, unter seinem eigenen Sadismus zusammenzubröseln. Der gibt sich anschließend gerettet, um das leichtgläubuge Kaff gegen die beiden Liebenden aufzuhetzen. Nur Onkel Leute und der für diese Art von Film überraschend sympathische Dorfsherriff halten noch zu den Beiden. Oder dreht sich das Fähnchen später doch noch mal im Wind?
Martin Sperr, Autor der berüchtigten "Jagdszenen aus Niederbayern", hätte seine wahre Freude an diesem Film gehabt: bis auf eine Ausnahme sind hier fast alle Figuren Ölkannister am Rande eines sozialen Brandherdes, die jeden Moment in die Flammen zu kippen drohen. Selbstverständlich kann Meyer es auch hier nicht lassen, seinen Tittenfetisch auszuleben und seiner Produktion somit mal Schlagseite auf der Sleazehälfte zu verleihen, mal das Gewicht auf die Kunstseite zu verlagern.
Auf technischer Ebene dominiert die Kunst und Meyer überrascht mit interessanten Kameraperspektiven. Besonders der Anfang, an dem Ekel Sidneys komplett gesichtslos bleibt und überwiegend aus der bedrohlich über den Boden riechende Schlangenperspektive heraus eingeführt wird bleibt im Gedächtnis, ebenso wie eine in einer Katastrophe endende Beerdigung und das grandiose Finale. Auch schauspielerische überrascht uns Meyer mit eindeutig richtigen Castingentscheidungen: alle Beteiligten Darstellerin en, insbesondere aber die Schauspielerinnen hinter dem Ehe paar Sidney und Hannah, spielen ihre Rollen beeindruckend intensiv.
Obschon für ein Sleazewerk eine gute halbe Stunde zu lang und für einen reinen Kunstfilm ein paar Grad zu flach ist der irreführend betitelte "Im Garten der Lust" durchaus gelungen, wenn auch etwas weniger sexy als so manch anderer Meyer. Als Einstieg in dessen erotischen Filmwelt eignet sich der Film neben "Die Satansweiber von Tittfield" ganz hervorragend. Und siehe da, damit hat sich der verschriene Russ Meyer wieder bei einen Zuschauer mehr rehabilitiert, den der Film gepackt und in das US-amerikanische Hinterland geschliffen hat, wo der staubige Boden der Tatsachen auf ihn wartete. Nicht im schlechtesten Sinne: Meyer hatte es sehr wohl drauf und das nicht nur wegen seiner Liebe zur holden Titte! Ruhe in Frieden, Russ: du wirst vermisst!