Review

Zum Abschluss seines sehr produktiven Jahres 1965 realisierte Russ Meyer seinen dritten Gewaltstreifen nach „Motorpsycho“ und „Faster, Pussycat! Kill! Kill!“: In „Mudhoney“ geht es zwar etwas behäbiger zu, und es gibt auch keine gewaltgeilen Trios, die mordend und vergewaltigend durch die Gegend ziehen, aber mit einem brutalen Trinker, einem fanatischen Pfarrer und gleich vier vollbusigen Damen, um deren Gunst die eifersüchtigen Männer streiten (und ein Erbe, an das man herankommen will), wird auch hier einiges an eindrücklichem Personal aufgefahren, das für dramatische Zuspitzungen sorgt.

Tatsächlich erweist sich „Mudhoney“ sogar als besonders dramatischer Spannungsstreifen Meyers'. Zunächst sieht es dabei nach seinen üblichen Zutaten aus: In der Einleitungsphase begegnen den Zuschauenden und einem zufällig vorbeikommenden Tramper allerhand leicht bekleidete und sehr anschmiegsame Damen, die mit tiefen Ausschnitten ihre beachtlichen Oberweiten präsentieren. Dazu kommt eine ganze Riege skurriler Figuren, die herzhaft Hinterwäldlerklischees ausspielen: etwa die zahnlose Alte, die die (Puff-)Mutter zweier blonder Sirenen ist, oder der kräftige Naturbursche mit Vollbart, der den ganzen Film im Blaumann (und sonst nichts) absolviert. Nicht zu vergessen Hal Hopper, der seinen groben bis brutalen Alkoholiker und Frauenschläger mit so viel Verve und Energie gibt, dass er schnell das unangenehme Zentrum des Films wird.

Nach dieser so temporeichen wie formal eigenwilligen Einleitung – auffällig sind etwa die allerersten Szenen, in denen minutenlang nur die Füße der Agierenden gezeigt werden – fällt der Film zugegebenermaßen ein wenig ab: Viele Hintergrundinformationen über die zentralen Figuren werden in eher platten und uninteressanten Dialogen geboten, die sich entwickelnden Ränkespiele zwischen den feindlichen Parteien bleiben ebenfalls zu langatmig, auch wenn hier bereits das bedrohliche Potenzial der bösartigen Charaktere durchschimmert. Erst zum Finale hin entwickelt „Mudhoney“ dann urplötzlich wieder eine Intensität und Dramatik, die in Meyers' Werk ihresgleichen sucht – mit Amoklauf, geistiger Umnachtung, Sexualmord, religiösem Fanatismus und schließlich einem hochdramatisch inszenierten Lynchmord durch einen aufgepeitschten Mob finden sich hier böse Storyelemente, wie man sie in dieser Krassheit sonst selten von Meyer gewohnt ist.

Das macht den Film vor allem im Schlussteil reichlich spannend, auch dank der durchaus ambivalenten Figurencharakteristik: So böse und durch und durch verdorben der brutale Schläger den ganzen Film über gezeigt wird, wird sein grausiges Schicksal doch als menschliche Tragödie inszeniert, die mit allen Mitteln verhindert werden soll. Ganz nebenbei blitzt hier ein tiefer Humanismus auf, der im Werk eines so beleumundeten Regisseurs überaus überraschend ist. Auch die meisten anderen Figuren zeigen zumindest Andeutungen von Ecken und Kanten: etwa der Held, der eine tragische Vergangenheit mit ungewolltem Totschlag mit sich herumträgt, oder die Heldin, die in ihrer unglücklichen Ehe mit dem Brutalo doch immer wieder zu ihm hält und ihm zu helfen versucht. Dass daneben auch plumpe Klischeefiguren wie der gutwillige, aber arg stumpfsinnige Sheriff oder der schrill-verrückte Pfarrer auftreten, macht dieses Figurenpotpourri eher interessanter als seltsamer.

Auch wenn hier die Dialoge auf ähnlich flachem Niveau bleiben wie bei allen anderen Meyer-Streifen zuvor, die Darstellenden darüber hinaus steif und ungelenk agieren und kaum glaubwürdige Mimik oder Gestik zeigen; auch wenn die Story überschaubar bleibt und einige Wendungen allzu plötzlich und uninspiriert daherkommen; auch wenn der Schnitt mitunter seltsame Handlungslücken entstehen lässt und sowohl Score als auch Kamera eher unterdurchschnittlich bleiben: Mit „Mudhoney“ zeigt Russ Meyer doch, dass er in Sachen Spannung und Tragik durchaus etwas zu bieten hat. Dass hier trotz anfänglicher Nacktheiten erneut die erotische Komponente eher beiläufig bleibt, um im letzten Filmdrittel quasi völlig zu verschwinden, zeigt nur, dass Meyers Ruf als Schmuddelfilmchen-Regisseur deutlich zu einseitig gerät. Mit „Mudhoney“ präsentiert er einen trashigen, nicht sonderlich eleganten, aber durchaus spannenden und zum Ende hin mitreißenden Gewaltstreifen, der mit tragischen Akzenten und formalen Spielereien prächtig zu unterhalten weiß.

Details
Ähnliche Filme