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Es ist nichts dagegen zu sagen, wenn man unter Rückgriff auf seine realistischen Möglichkeiten mal andere Wege zu gehen versucht. Anders ist künstlerisch gesehen eigentlich immer gut. Sammo Hung versuchte es einfach mal anderweitig, schlug aus ins Familiendrama und zeigt dort mit “Heart of Dragon” auch gute Ansätze. Einen ganzen Film bekommt er aber leider nicht damit gefüllt. Seine Ambitionen springen spätestens nach einer Stunde zurück wie ein Flummi, denn das Drama löst sich in Wohlgefallen und Action auf, die zwar charakteristisch ist für Sammos Arbeiten, jedoch selten so fehlplatziert war wie hier.

Für seine Familiengeschichte bedient er sich bei Charakterprofilen, die er durchaus nicht neu erfindet, er katalysiert sie allenfalls. Als Schauspieler ist Sammo bekannt dafür, stets leicht debile und einfältige Männer von breiter Statur zu spielen, die sich scheinbar hilflos ihren übermächtigen Gegnern entgegenstellen, um die dann urplötzlich mit dem Überraschungseffekt auf ihrer Seite mit grazilen Kung Fu-Bewegungen zu überrumpeln, welche man einem Dicken wie ihm nie zugetraut hätte. Für “Heart of Dragon” strich Sammo einfach die Martial Arts-Fähigkeiten und schraubte die Debilität hoch, schon hatte er seinen über 30-Jährigen Mann mit dem Geiste eines kleinen Kindes.

So viel Charakterkomplexität ist da also eigentlich überhaupt nicht dran. Woran genau Hungs Figur Dodo überhaupt leidet, wird gar nicht ergründet. Die familiären Verhältnisse aus der Vergangenheit werden höchstens angedeutet, die psychologischen Auswirkungen keineswegs irgendwie akzeptabel dargestellt, sondern mit Hilfe Hongkong-typischen Klamauks. Mal ersäuft Dodo beinahe in der Badewanne, weil er seinem Badeentchen das Tauchen beibringen will, mal sperrt er sich nach einer (auf einem Missverständnis beruhenden) Zechprelle in einem Kühlraum ein und erfriert beinahe.

Diese Momente der Geschichte sind aber wenigstens unterhaltsam erzählt und halten durchweg bei der Stange. Dodo wird aufgrund seiner Statur immer wieder in gesellschaftliche Rollen gedrängt, in denen er sich wie ein Erwachsener zu verhalten hat, dazu aber nicht in der Lage ist. Nimmt man mal die fehlende Charakterkomplexität aus, so ist der “Rain Man”-Vergleich gar nicht so verkehrt, sind in beiden Fällen doch die Reaktionen der Menschen interessant zu verfolgen, die mit dem geistig zurückgebliebenen Dodo in Kontakt geraten.

An Dramaturgie und Authentizität gewinnen die Dodo-Episoden durch die Integration von Jackie Chans “Ted”, Dodos Bruder. Für Chan ungewohnt vielschichtig zeigt sich diese Rolle, spielt er doch einen Menschen, der sich in dreifacher Hinsicht einem Problem ausgesetzt sieht: Er muss sich um seinen kindlichen Bruder kümmern, um seine Freundin und will seinem Traum nachgehen, der Marine beizutreten, um die Welt erkunden zu können. Diese drei unvereinbaren Aufmerksamkeitsfelder stellt Hung als Regisseur geschickt heraus. Chan gerät in schauspielerischer Sicht an seine Grenzen, die er in seinem Frühwerk in nur sehr wenigen Filmen in vereinzelten Szenen ansatzweise austesten durfte (wie etwa die Beschwerde vor dem Meister in “Meister aller Klassen”), ist er doch hin- und hergerissen zwischen der Loyalität zu seinem Bruder und der eigenen Selbstverwirklichung, die er jahrelang zurückstecken musste. Die größten Momente erlebt dieser Film immer dann, wenn Chans Figur sich mit ihrer schwierigen Rolle nicht mehr länger anfreunden kann und will, und wenn sämtliche Beziehungen kollabieren und zwangsläufig mit Problemen in Verbindung geraten.

Dann stören auch nicht mehr die Comedyeinlagen, die oft sogar recht gut passen, weil ihnen stets der Touch des Traurigen anhaftet. Speziell die Schlüsselbilder eines plumpen Sammos mit Latzhosen und Pottschnitt, umringt von Kindern, die ihn wie einen von ihnen behandeln, brennen sich dauerhaft als Bild ein. Passanten, die kichern, weil Ted seinen Bruder Dodo an der Hand hält, ein Schuldirektor, der mit dem kindlichen Verhalten des vermeintlichen Vaters nicht umzugehen weiß, ein sadistischer Geschäftsbetreiber, der den naiven arbeitsuchenden Dodo erniedrigt wie einen Hund.

Wäre man stringent bei dieser Geschichte geblieben und hätte ihr noch etwas Feinschliff verpasst, wäre der Ausritt in unbekannte Gefilde womöglich rundum gelungen. Leider schleicht sich ein Krimiplot um gestohlenen Schmuck ins Gefüge, das zwar die gelegentlichen Action- und Stunteinlagen garantiert, dem Drama-Part aber alles andere als guttut. Der Film klingt aus mit einer gewöhnlichen Prügelei in einem Baustellengebäude. Sie ist zwar gewohnt gut choreografiert und inszeniert, doch hat sie etwas Gezwungenes, als sei es die Pflicht der Macher gewesen, dadurch die Erwartungen der Actionfans zu stillen. Da aber sonst auch nicht gerade die Bären tanzen, ist das im Grunde für die Katz.

“Heart of Dragon” zeigt wenigstens den Willen und in Teilen die Qualität, eine Familien-“Dramödie” auf die Beine zu stellen. Jackie Chan darf eine seiner differenziertesten Rollen spielen, was alleine schon die Titelvergabe "Powerman" durch den deutschen Verleih zu einer Farce macht, da der erste "Powerman" so flach ist wie der Wasserpegel im Plantschbecken für Dreijährige und die ebenfalls "Powerman" betitelte "Lucky Stars"-Reihe genausowenig vor Tiefe strotzt. Aber: man verheddert sich dabei mitunter im Klamauk, der nur manchmal passt, und sieht sich am Ende noch gezwungen, in die alten Actionschemata zurückzukehren, um das Publikum in dieser Hinsicht nicht zu enttäuschen. Mich persönlich hat die damit verbundene Inkonsequenz ein wenig enttäuscht, da die “Rain Man”-Ansätze drei Jahre vor dem US- “Rain Man” zweifellos ihren Unterhaltungswert haben. Hätte Sammo das bis zur letzten Minute durchgezogen, ich wäre dabei gewesen.

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