Review

Eines ist sicher: Wer in den Genuss von „The Usual Suspects“ kommt, wird beim ersten und zweiten Mal nicht das Gleiche sehen! Häää!? Ja, Unwissende werden eines Besseren belehrt und bei Bryan Singers neuzeitlichem Meisterwerk, lässt man sich gerne hinters Licht führen, denn vor so viel schöpferischer Genialität darf man sich getrost verneigen ohne den Kopf zu verlieren. Zurück zum Verwirrspiel auf hohem Niveau, denn der Erstkonsum ist ebenso eine wahre Freude wie die Wiederholungen, die, so viel sei verraten, einen ganz anderen Reiz bieten. Genau genommen kann man gar nicht beschreiben, was letztendlich mehr Spaß macht, „The Usual Suspects“ ist in jedem Fall großartiges Kino.

Sechs Millionen Dollar sind ein Betrag, mit dem Michael Bay schätzungsweise nicht einmal seine Kaboom-Orgien abdecken könnte. Regisseur und Produzent Bryan Singer finanzierte damit eine komplette Produktion inklusive Kevin Spacey, Benicio Del Toro und Gabriel Byrne. Dass sich der Film im Laufe der Jahre zu einem erfolgreichen, filmischen Juwel entwickelte, verwundert an sich nicht, konnte aber vorerst niemand erahnen, zumal „The Usual Suspects“ an den Kinokassen eher wenig einbrachte. Mit welchen Anreizen konnte Singer dann im Vorfeld überzeugen?

Das Konzept stimmt und wenn man ein Drehbuch wie das von Christopher McQuarrie liest, verzichtet man gerne auch einmal auf ein paar Dollars. McQuarries Drehbuch ist in der Tat die heilige, Oscar prämierte Grundlage für ein perfektes Spiel, das Singer in beeindruckende Art und Weise mit seiner Crew visualisiert.

Es fängt alles ziemlich unspektakulär an, ein gestohlener Laster voller Waffen führt die üblichen Verdächtigen als solche bei einer polizeilichen Gegenüberstellung zusammen. Es mutet wie eine abgekartete Sache an, die New Yorker Polizei muss die Zollbehörde mit Ermittlungsergebnissen zufrieden stellen und die fünf berüchtigten Kleinkriminellen sind dafür prädestiniert.

Nur einer passt nicht wirklich ins Bild: Roger „Verbal“ Kint (Kevin Spacey), ein kleiner Betrüger mit sanfter Stimme und Klumpfuss. Im Vergleich zu McManus (Stephen Baldwin), Hockney (Kevin Pollack), Fenster (Benicio Del Toro) und Keaton (Gabriel Byrne) wirkt er wie ein Engel in der Hölle. Der „Star“ der Truppe ist der korrupte Ex-Cop Keaton, der sich allerdings zu diesem Zeitpunkt ein Leben abseits von Verbrechen wünscht.
Als ein Schnitt und Zeitsprung folgt, beginnt sich etwas aufzubauen, das am Ende mit Sicherheit jeden völlig übermannt.

Die Ausgangslage:

Rauch am Pier, verkohlte Leichen und Drogen (im Wert von 91 Millionen Dollar) die gar nicht da sind sowie zwei Überlebende - einer mit starken Verbrennungen im Sterben liegender Ungar, dessen letzte Worte „Keyser Soze“ sind und ausgerechnet Kint, ein zu bemitleidender, humpelnder Kleinganove.

Die Situation ist diffus und Special Agent Kujan (Chazz Palminteri), von der Zollbehörde, möchte „Verbal“ Kint verhören, um herauszufinden, was seit der damaligen Gegenüberstellung passiert ist und zu diesen Ereignissen führte. Ein langes Verhör beginnt…

“Keyser Soze“!? Alles dreht und wendet sich um das personifizierte Mysterium. Eine Verbrecherlegende, deren Existenz so schleierhaft wie mysteriös ist. Was zum Teufel steckt hinter diesen albern anmutenden Namen?

Kint steht Rede und Antwort, erklärt welche Aktionen die üblichen Verdächtigen nach der Gegenüberstellung zusammen planten. Bei dem ersten Coup kreuzten ihre Wege das Machtrevier von „Keyser Soze“, der sie zur Wiedergutmachung per Mittelsmann beauftragt, einen Drogendeal zu erledigen. Das Ergebnis kennen wir, aber die Hintergründe werden immer spannender!

Der Film besteht überwiegend aus Erzählungen, die per Reflexionen visualisiert werden. Kint wird verhört und liefert immer mehr Details rund um die Geschehnisse. Unterbrochen wird der Erzählfluss des Öfteren von Kujan, der hinterfragt und mit rhetorischen Tricks die Wahrheitsfindung fördert. Der Betrachter bastelt sich aus den Infos seine eigene Interpretation. Manch einer wird sich freuen, wenn er das Verwirrspiel aufmerksam beobachtet und für sich entschlüsselt, aber die Wahrheit dessen übersteigt den Horizont aller und Singer und Co. nützen die Naivität, die klassische Erzählmuster hervorrufen. Blinzle nie, ist ein nettes Leitmotiv, wird aber an dieser Stelle überhaupt nichts nützen.

Die Wahrheit geht mehr in die Tiefe und tangiert das menschliche Denkschema. Nichts ist so eng gekoppelt wie die Wahrnehmung und Wahrheit dessen, was wir allgemein hin als Realität betrachten. Singer bricht filmische Konventionen, indem er uns eine an sich einfache Story unchronologisch spannend erzählt, aber seine eigene Vorgehensweise hinterfragt. Wie er das macht, ist die pure Freude und schöpferische Kraft, die „The Usual Suspects“ schlichtweg in klassische Sphären hebt. Realität und Fiktion, die Macht der Erzählung und Perspektive spielen eine große Rolle, aber mehr Detailwissen wäre zu viel des Guten, denn den finalen Schlag ins Genick sollte jeder ohne Vorkenntnisse selbst erleben.

Unabhängig davon wird der heilige Dreh- und Angelpunkt, das Drehbuch, von Singer und seiner Crew wunderbar inszeniert. Film noir typische Elemente kommen sowohl inhaltlich als auch inszenatorisch zur Geltung. Die Ausweglosigkeit schlägt sich vor allem im reflektierenden Erzählen nieder, wenn die üblichen Verdächtigen an ihre Grenzen stoßen. Ansonsten wird visuell geschickt mit Licht und Schatten gespielt, was einige Momente noch beeindruckender wirken lässt.

Schauspielerisch sollte niemand explizit hervorgehoben werden, auch wenn Kevin Spacey völlig verdient mit einem Academy Award für die beste Nebenrolle belohnt wurde. Am Ende würde man in der Tat bei den üblichen Verdächtigen landen, so dass die kollektive Meisterleistung geschmälert wird.

Wer „Keyser Soze“ nun wirklich ist, werden wir alle erfahren, aber es ist mehr als das. Der Name birgt die Freude am Unbekannten und Mysteriösen in sich. Das personifizierte Mysterium im Moloch eines hervorragend erzählten Films, der alle Schwächen unserer Gedanken schonungslos aufdeckt. Der Begriff Kult ist in diesem Zusammenhang wirklich nicht inflationär, sondern so passend wie die Faust aufs Auge.

Wer dann den ersten Genuss erleben durfte, wird sich fragen, wie er im großen Stil verarscht werden konnte. Das Geheimnis daran liegt in Bereichen, in denen wird über das Denken nachdenken. Es wird abstrakt und im Endeffekt lässt man sich von den Mitteln der Filmkunst, die hier in Perfektion dargeboten werden, [ver]leiten. Wie man es dreht und wendet, auch nach mehrmaliger Betrachtung hält „The Usual Suspects“ den kritischen Blicken stand und das spricht für große Magie, von der man sich wahrlich immer wieder gerne inspirieren lässt. Zwischen Pinwand, Kobayashi und „Keyser Soze“ schießt immer wieder ein Gedanke, der alles beschreibt, durch den Kopf: Großartig! (9,5/10)

Details
Ähnliche Filme