Review

Die üblichen Verdächtigen - einer der wohl am meisten überbewerteten Filme der letzten 15 Jahre.

Bryan Singers Film ist an und für sich ein wirklich gelungener Thriller, der permanent mit den Erwartungen des Zuschauers spielt.

Zur Story:
Ein Frachtschiff ist im Hafen in Flammen aufgegangen. Aus den Trümmern und dem Wasser werden 17 Tote geborgen, nach mindestens ebenso vielen wird noch gesucht. Unter den Toten befinden sich neben der ungarischen Besatzung einige Schwerkriminelle wie der korrupte Ex-Cop Keaton (Gabriel Byrne), der Sprengstoffspezialist Hockney (Kevin Pollak), sowie die Räuber McManus (Stephen Baldwin) und Fenster (Benicio del Toro). Einzig zwei Überlebene werden aus den Trümmern geborgen: Ein halbtoter ungarischer Drogenhändler und der Krüppel Roger "Verbal" Kint (Kevin Spacey), Letzterer unverletzt.
Kaum in Untersuchungshaft genommen, wird Verbal alsbald von höchster Stelle unter Immunität gestellt, was dem Cop Dave Kujan (Chazz Palminteri) nicht einleuchten will. Er vermutet mehr hinter dem Fall und hat zwei Stunden Zeit, Verbal einem Verhör zu unterziehen, ehe dieser die bereits beschlossene Entlassung antreten darf. In der Tat packt der Kleinganove nach kurzer Zeit aus und erzählt Kujan eine haarsträubende Geschichte...

An dieser Stelle viel mehr zu verraten, würde den Sinn und Genuss des Films unweigerlich zerstören. Nur soviel sei noch verraten: Es gibt angeblich einen geheimnisvollen türkischen Drogenhändler namens Keyser Soze, der im Hintergrund der Ereignisse die Fäden zieht. Niemand hat diesen Soze jemals gesehen und überlebt. Niemand kann mit Bestimmtheit sagen, ob es ihn tatsächlich gibt, oder es sich bei ihm lediglich um einen Mythos handelt.

Den Titel "Die üblichen Verdächtigen" bezieht der Film aus einer polizeilichen Gegenüberstellung, an der die später tot aufgefundenen Gangster sowie der Krüppel Kint teilnehmen. Diese Gruppe setzt sich aus den eben "üblichen Verdächtigen" zusammen. Stochert die Polizei ohne Anhaltspunkte blind im Trüben, werden nun einmal immer wieder die selben bekannten Verbrecher vorgeladen. Im Film nutzen die Gangster das gemeinsame Pläuschchen in der Untersuchungszelle freilich dazu, einen gemeinsamen Coup zu planen, der eine Reihe von Ereignissen in Gang setzt, die schließlich im ausgebrannten Frachter ihr Ende findet.


"Die üblichen Verdächtigen" ist quasi eine Art "Who-dunnit"-Thriller, denn zum Ende hin zielt er immer mehr auf die Frage hin, wer besagter Keyser Soze in Wahrheit ist. Die Handlung wird uns (und der Polizei) hingegen ausschließlich aus Sicht des einzigen Überlebenden des Massakers, Verbal Kint, geschildert. Und genau hier liegt der Hund zur miesen Story begraben.


***SPOILER***

Kint führt die Cops (und auch den Zuschauer) natürlich gewaltig an der Nase herum. Große Teile seiner Geschichte sind frei erfunden, vielleicht auch Alles. Das einzige, dessen wir uns sicher sein können ist, dass ein Frachter ausgebrannt ist und es jede Menge Leichen gab. Die anfängliche Gegenüberstellung gab es ebenfalls. Was ist sonst noch sicher? Gar nichts.
Hier eine raffinierte Geschichte mit unerwarteten Wendungen in den Film zu interpretieren, halte ich für völlig überzogen. Natürlich staunen wir immer wieder über unerwartete Wendungen, die sind ja schließlich allesamt frei erfunden. Woher wissen wir, dass Fenster tatsächlich abhauen wollte und wenig später erschossen wurde? Woher wissen wir, dass der mysteriöse Anwalt mit dem angeblichen Namen Kobayashi die Verbrecher angeheuert hat? Und woher wissen wir, ob es überhaupt einen Anwalt gab? Ok, wir wissen natürlich, dass es keinen Anwalt gab, den hat Verbal ja während des Verhörs erst erfunden. Vielleicht hat Verbal also selbst ganz offen die anderen zu diesem Coup angeheuert. Vielleicht sind die anderen "Verdächtigen" auch ohne ihn zum Frachter aufgebrochen und er kam mit einer Hundertschaft anderer Killer hinterher und hat alle eliminiert. Vielleicht war er ja nie Mitglied dieser "Gang"?
Woher soll der überlebende Drogendealer wissen, wer Keyser Soze ist? Hat er ihn gesehen und wenn ja, wo und wann? Und woher wusste er da, wen er vor sich hatte? Warum so viel Aufwand, um den einzigen Zeugen zu töten, der ihn identifizieren könnte, wenn gleich darauf ein neuer Zeuge parat steht? Warum wird dieser Überlebende nicht ebenfalls zum Schweigen gebracht, wenn Soze eh überall seine Finger drinnen zu haben scheint. Woher kommt seine Immunität, wenn er vorher kein Wort über den Fall (und schon gar nicht über Soze) ausgeplaudert hat?
Wo der Film aber wirklich schummelt, ist bei den Rückblenden beim Kampf um den Frachter: Wir sehen Verbal in seinem Versteck am Kay hocken, kurz darauf wird Hockney am Transporter von hinten erschossen. In der nächsten Szene sehen wir Verbal nahezu unverändert am Kay hocken, so als hätte er sich nicht von der Stelle bewegt. Genauso, als es um die Ermordung des Zeugen geht. Verbal hockt am Kay, der Zeuge wird erschossen, und Verbal hockt erneut am Kay. Hier wird dem Zuschauer also selbst das Erraten der Person des Keyser Soze erschwert. Natürlich fußen die Szenen auf der Geschichte, die Verbal der Polizei erzählt. Auch klar, dass er sich nicht als Soze outet und behauptet, er hätte das alles vom Kay aus gesehen. Was hier aber vor allem klar wird ist, dass wir im Grunde der gesamten Geschichte nicht trauen können. Weder im kleinen (also in den einzelnen Szenen) noch im Großen (in der Geschichte an sich). Welchen Sinn hat hier also ein Mitraten, was sich hinter all den Ereignissen verbirgt?

***SPOILER ENDE***


Was den Film wirklich raffiniert macht, ist die Tatsache, dass er dem Zuschauer das Gefühl gibt, an der Nase herumgeführt worden zu sein, sobald er die Auflösung erfährt. Ein Anerkennendes Nicken ist hier aber vollkommen fehl am Platz. "Die üblichen Verdächtigen" ist ein einziger, klassischer Mindfuck. Am Ende ist gar nichts sicher. Weder, was die Polizei zu erfahren glaubt, noch die Erkenntnis, die dem Zuschauer am Schluss des Films vorgegaukelt wird. Es hätte auch alles noch ganz anders ablaufen können.
Was wir hier sehen, sind keine raffinierten Plottwists, keine um drei Ecken gedachten Verstrickungen, die sich einem logischen Ganzen unterordnen. Es bleiben unzählige Fragen offen, sowohl in Verbals Geschichte, als auch in Bryan Singers Geschichte.

Was aber vor allem bleibt, ist eine Geschichte in einer Geschichte, von der die eine ebenso ausgedacht ist, wie die andere (wenngleich Verbals Geschichte deutlich weniger Löcher aufweist, als die Geschichte des Films). Was wirklich passiert sein mag, erfährt weder die Polizei noch der Zuschauer. Und genau an dieser Stell ziehe ich meinen Hut. Bryan Singer ist es gelungen, den Zuschauer eindreiviertel Stunden lang gut zu unterhalten, ohne ihm eine plausible Geschichte zu präsentieren. Er lässt den Zuschauer mitdenken, ohne dass es auch nur das Geringste mitzudenken gäbe. Denn was uns als Auflösung präsentiert wird, ist wieder nur eine von vielen Möglichkeiten. Und dass der Zuschauer das in den meisten Fällen nicht einmal merkt, ist das wirkliche Verdienst dieses Films.

Wenn das alles wirklich so gewollt ist - meine Hochachtung. Allein - aufgrund meiner bisherigen Erfahrungen mit amerikanischen Drehbüchern glaube ich nicht daran.

3/10

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