Lateinamerika und die Macht der Drogenbosse. Sie zählen einerseits zu den einflussreichsten Menschen in ihren Territorien und landen andererseits regelmäßig auf den Listen der „Most Wanted“. Dieser vermeintliche Widerspruch schlägt sich auch bei der Geschichte um El Chapo nieder.
Sinaloa, Mexiko, 2016: Carmona ist ein einfacher Bundespolizist, der neuerdings die Nachtschicht bestreitet und dabei dem neuen Kollegen Rosales misstraut. Während einer routinemäßigen Kontrolle erwischen sie Kartellboss El Chapo nebst Gehilfen, die kurz zuvor einer Hundertschaft der Marines entkommen konnten. Doch wie sollen die überforderten Polizisten nun mit den einflussreichen Gefangenen umgehen?...
Regisseur Chava Cartas lässt sich in der ersten Phase etwas zuviel Zeit, die Cops und ihr Umfeld einzuführen. Carmona, der immerhin ein familiäres Umfeld erhält, wird zusätzlich ein berufliches Trauma beigefügt, welches nicht wirklich zur Charakterentwicklung beiträgt. Die Dynamik zwischen den sich misstrauenden Polizisten hält schließlich ein wenig bei Laune, doch wirklich eilig hat es die Erzählung lange Zeit nicht.
Etwas dringlicher wird es erst, als die Polizisten Entscheidungen treffen müssen, mehrfach mit Fragen um Loyalität und Pflichtbewusstsein konfrontiert werden, jedoch auch mit den Konsequenzen, welche ihr Handeln unmittelbar nach sich zieht. Wie beklemmend es für Gesetzeshüter werden kann, zeigt sich bereits beim Tanken in einer verruchten Gegend, was sogleich einen Haufen bewaffneten Mobs in Stellung bringt.
Im Verlauf resultieren daraus diverse Grundsatzfragen wie der Teufelskreis von korrupten Polizisten und entsprechenden Mafiabossen, die sich folgerichtig unantastbar fühlen. Geht man einen Schritt nach vorn, bringt man sogleich sich und die komplette Familie in Gefahr, knickt man ein, wird den Kriminellen weiterhin Narrenfreiheit gewährt. Auch diese Aspekte zeichnen sich im weiteren Verlauf während des Aufenthalts in einem Motel ab, wo der Stoff phasenweise kammerspielartige Züge annimmt.
Während die Perspektive der beiden Polizisten für eine beklemmende Stimmung sorgt, lassen die rar gesäten Actionabschnitte nicht allzu viel Spannung aufkommen. Hier und da gibt es Schusswechsel zwischen Marines und der Mafia und es fliegen auch vereinzelt Granaten, doch erinnerungswürdige Schauwerte kommen nicht zustande. Zumal der Stoff visuell komplett unauffällig verpackt ist und man sich vielmehr auf das figurengetriebene Spiel verlässt.
Darstellerisch ist diesbezüglich wenig anzukreiden, es wird jedoch auch nicht allzu viel abverlangt und bei der Besetzung hätte man sich unter einem derart mächtigen Kartellboss eher jemanden mit mehr Ausstrahlung vorgestellt. Auch der Score bleibt eher unauffällig und setzt keinerlei Akzente.
Phasenweise fühlt sich die Erzählung nicht so an, als beruhe sie tatsächlich auf wahren Ereignissen rund um die Flucht von El Chapo, der nicht zum ersten Mal vor dem Gesetz zu fliehen versucht. Dafür wirken einige Aspekte zu überkonstruiert, andere bleiben oberflächlich und unterentwickelt, speziell im finalen Akt bei einer Art Machtduell.
Die Sichtweise der Polizisten unter dauerhaften Druck treibt das Teil voran, in Sachen Spannung und Nervenkitzel wäre durchaus mehr drin gewesen.
Knapp
6 von 10