Review

Der gebürtige Ungar Tibor Takács („The Gate – Die Unterirdischen“) führte Regie bei diesem spätachtziger Horror-Genrebeitrag, das Drehbuch stammt von David Chaskin, der seinerzeit auch das Script zur meines Erachtens unterschätzten und mit einem interessanten Ansatz versehenen ersten „Nightmare on Elm Street“-Verfilmung verfasste. Diese Zusammenarbeit erwies sich als äußerst fruchtbar, denn herausgekommen ist ein zu Unrecht eher unpopulärer Film (nicht nur) für Genreliebhaber.

Schauspielschülerin Virginia (Jenny Wright, „St. Elmo’s Fire“, „Near Dark – Die Nacht hat ihren Preis“) jobbt in einem Buchantiquariat und vertreibt sich die Zeit mit Gruselschundliteratur. Dabei stößt sie auf das Werk eines gewissen Malcolm Brand, das sie begeistert verschlingt. Eines Tages liegt dessen jüngste Veröffentlichung, „I, Madman“, auf ihrer Türschwelle, die vom durchgeknallten Dr. Kessler handelt, der sich in eine Schauspielerin verliebt hat, jedoch aufgrund seines Äußeren von ihr zurückgewiesen wird. Verzweifelt verstümmelt er sich daraufhin selbst. Doch während Virginia immer tiefer in Brands düstere Welt eintaucht, scheint Dr. Kessler plötzlich bittere Realität zu werden – ist er dabei, sich in Virginias Umfeld die amputierten Körperteile wieder zu beschaffen, indem er sie attraktiveren Zeitgenossen absäbelt? Niemand will Virginias abstruser Theorie Glauben schenken...

„Hardcover“ ist grundsätzlich ein Horrorfilm der düster-atmosphärischen Sorte, der jedoch gleichzeitig von einer feinen Selbstironie durchzogen ist und fleißig Genrestandards zitiert, dabei überwiegend im Gebiet schauriger und tragischer Romantik fündig wird. Währenddessen bewegt er sich vorsichtig am Rande kruder Gewalttätigkeiten, überschreitet jedoch nie die Grenze, die die Phantasie des Zuschauers ignorieren und splatterige Blutbäder zeigen würde. Nein, „Hardcover“ verfügt zwar über erschreckende und grausige Bilder, setzt diese jedoch nach dem Prinzip der alten Schule, an die der Film sich bisweilen in Art einer Hommage zu richten scheint, durch kameratechnisches Geschick und gute Maskenarbeit in einer Form um, dass der Zuschauer kraft seiner Imagination mehr zu sehen glaubt, als man ihm eigentlich bietet. Das passt hervorragend zum unterschwelligen Thema des Films, das eben jene Vorstellungskraft zum Inhalt hat und sich nicht nur vor den wortgewaltigen klassischen Horrorromanen, sondern gleichermaßen vor vermeintlicher „Schundliteratur“ verbeugt, denen es gelingt, durch die richtige Aneinanderreihung von Buchstaben Bilder im Kopf des Rezipienten entstehen zu lassen. Diese zeigt uns Takács, indem er visualisiert, was Virginia liest.

Die normalerweise klar umrissene Grenze zwischen Realität und Fiktion wird jedoch zu einem schmalen Grad erklärt, der anfänglich sowohl Virginia als auch den Zuschauer darüber im Unklaren lässt, was sich lediglich in Virginias Kopf abspielt und was blutige filmische Realität wird. Nun ist „Hardcover“ aber kein sonderlich anspruchsvoller Film, der zur Verwirrung des Publikums mit verschiedenen Bewusstseinsebenen übermäßig spielen würde. Er bleibt problemlos goutierbare Genrekost, der den Zuschauer mit den Spielregeln vertraut macht und ihn recht eindeutig wissen lässt, ab wann es für Virginias Umfeld besser wäre, sie endlich ernstzunehmen. Der Weg zum aufregenden Finale ist gespickt mit vorhersehbaren, aber eben ansprechend realisierten und nach einem eher ruhigen Auftakt einer immer temporeicher werdenden Dramaturgie verpflichteten Morden des menschlichen (?) Puzzles Dr. Kessler und funktioniert dabei fast ähnlich wie gewohnte, liebgewonnene Slasherkost, nur eben unter anderen Vorzeichen und in einem nicht ganz alltäglichen Kontext.

Manch Dialog ist jedoch arg knapp und oberflächlich gehalten, wie es auch manchem Charakter an emotionalem Tiefgang mangelt und es jedem halbwegs aufmerksamen Zuschauer vollkommen unverständlich erscheinen dürfte, wie lange Virginia braucht, um zu erraten, wer das finale Mordopfer sein würde. Bei allen netten musikalischen Sprengseln und dem herrlich zynischen Einsatz des „Chanson D'Amour“ hätte gewiss ein starkes Titelthema mit Wiedererkennungswert „Hardcover“ darüber hinaus prima zu Gesicht gestanden. Ansonsten ist aber alles enthalten, was in diesem Falle zu einem memorablen Filmerlebnis führt: Eine sich aus bewährten Genremotiven zusammensetzende originelle Grundidee, passable bis gute (Wright) Schauspieler, Drama und Schauerromantik, ein wenig Tragik und Schwermut hier, etwas Humor und Ironie dort, wohldosierte blutige Gewalt, eine träumerisch-morbide Grundstimmung, sehenswerte Make-up-Arbeit, eine Videothekenfutter gewordene Verneigung vor der Literatur und sogar etwas Poesie, zusammengehalten von einem Regisseur mit Fingerspitzengefühl – der im Übrigen gut daran tat, nicht alle aufgeworfenen Fragen eindeutig zu beantworten. Schließlich geht es ja um das Anregen der Phantasie. Eine kleine Perle des US-Genrehorrors des 1980er-Jahrzehnts.

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