Eine gruselige Geschichte aus den frühen Tagen des 20.Jahrhunderts lockt nun wirklich niemanden mehr hinter dem Ofen hervor, stilvoll und sparsam an grellen Effekten - da muß schon die Verpflichtung eines weltbekannten Jungschauspielers wie Daniel "Harry Potter" Radcliffe her, um ein Raunen durch den Blätterwald gehen zu lassen.
Grund genug, sich die in die Deutschland fast unbekannte Erstverfilmung des Romans von Susan Hill mal zu Gemüte zu führen, die unter Fans einen Ruf wie Donnerhall hat, sofern man zu dem ausgesuchten Grüppchen gehört, das dem TV-Film bei seiner Ausstrahlung hierzulande beigewohnt hat (tu ich nicht, also mußte Youtube herhalten).
Speziell eine Szene hat es den Fans angetan und auch wenn die vielleicht nicht so legendär daherkommt, wie sie in den Erinnerungen fröhlich vor sich hin mutiert, verdient der immer noch nicht auf DVD erschienene Film (nur auf VHS in England erhältlich) größere Beachtung. Denn anders als andere Kindheitserinnerungen bietet Herbert Wises Film Stilsicherheit und leises Grauen (ich beziehe mich da auf meine Enttäuschung mit dem schwedischen Film "The Visitors", der doch recht albern daherkam).
Passend ausgestrahlt am Heiligabend des Jahres 1989 (das ist doch mal ein Feiertagsprogramm), erzählt der Film die Geschichte des Junganwalts Arthur Kidd, der in das kleine Seestädtchen Crythin entsandt wird, um den Nachlaß einer verstorbenen Mandantin zu ordnen und auf eventuelle Werte zu überprüfen. Vor Ort ist man nicht eben übermäßig begeistert über sein Erscheinen, die Einwohner geben sich wortkarg und vorsichtig und das Haus, das auch noch auf einer Insel in den gezeitengeplagten und nebelverhangenen Marschen liegt, ist nur mit äußerster Vorsicht über einen schmalen Weg zu erreichen. Was es mit der Verschlossenheit auf sich hat, wird spätestens bei der Beerdigung deutlich, als Arthur einer älteren Frau ganz in schwarz gewahr wird, die in einiger Entfernung dem Begräbnis beiwohnt. Die Frau ist offensichtlich ein Geist, dessen Erscheinen und Erkennen eine grimmige Bedrohung mit sich bringt: wo immer man sie sieht, stirbt zumeist bald ein Kind.
Kidd, dem vom seinem Arbeitgeber angeraten wurde, endlich ernsthafter durchs Leben zu gehen (obwohl schon verheiratet und zweifacher Vater), verbeißt sich jedoch in der Aufgabe und zieht schließlich für ein paar Tage in das einsame und abgelegene Haus in den Marschen. Dort taucht er dann nicht nur in die Vorgeschichte dieses Dramas ein, er wird auch zum Zielobjekt geisterhafter Erscheinungen...
Das ist klassisches Geisterhausmaterial und tatsächlich ist "The Woman in Black" nicht eben übermäßig angefüllt mit monströsen Tricks oder Effekten. Tatsächlich gibt es außer ein paar akustischen Wahrnehmungen eigentlich gar keine Spezialeffekte sichtbarer Natur und wer schon ein paar Dutzend von der Sorte gesehen hat, wird wohl angesichts des aufzubrechenden "Kinderzimmers" nur herzhaft gähnen oder sich fragen, was so bedrohlich an einer Frau sein soll, die in ihrem Trauerkleid in der Landschaft steht.
Für Fans des äußeren Effekts ist "Frau in Schwarz" tatsächlich nichts, man kann den Film dann getrost als langweilig empfinden oder abtun und tut ihm nicht einmal unrecht damit, weil er eben nicht in Genrekonventionen abtaucht, sondern eine Geschichte erzählt, die man nicht sofort vorhersehen kann.
Die Hintergründe entfalten sich nur sehr langsam und die Geistererscheinungen werden so (auch optisch) zu einer sehr nebulösen Angelegenheit, die es stets noch zu erklären gilt.
Und dennoch: Wises Geschichte rollt wie ein gut geölter Zug von Anfang bis Ende. Das fängt bei den farbigen Figuren und dem engagierten Tonfall an. Für eine zeitgenössische Story aus den 20er-Jahren (1925, um es genau zu nehmen) ist keine Behäbigkeit erkennbar, stattdessen folgt nachgerade das Eine auf das Andere und die Abgründigkeit erschließt sich mangels offensichtlicher Hinweise oder typisch filmischer Warnzeichen (wie etwa einen aufdringlichen und Emotionen vorgebenden Score, der hier zumeist wegfällt) erst nach und nach.
Auf diese Art und Weise nimmt man Kidds Position ein, da man nicht erkennen kann, was an der Frau so schlimm, an dem Haus so absonderlich und an dem in Sekunden aufziehenden Nebel so gefährlich. Folglich erlebt man mit dem Protagonisten alles hautnah mit, der Dreh- und Angelpunkt in jeder Szene bleibt.
Wenn es denn also keine großen Löcher gibt, so kann man getrost auf die anderen geradezu luxuriös vorgetragenen Qualitäten hinweisen, denn selten habe ich einen TV-Film gesehen, der so wunderbar ausgestattet war (natürlich, ohne zu protzen) und gleichzeitig so viel Stilsicherheit bezüglich der Auswahl absolut treffender Drehorte besaß.
Tatsächlich ist das Haus ein absolutes Beispiel für eben ein abgelegenes "Haunted House" und der auf den windzerwehten Hügeln davor gelegene Seefriedhof mit einem im Nichts stehenden offenen Ruinentorbogen ist die Kirsche auf der Sahnetorte. Wenn bei Nacht der Strom ausfällt und das Geräusch der im Wasser versinkenden Kutsche mit ihren schreienden Opfern hörbar wird, dann fühlt man sich selbst auch allein gelassen an einem dunklen Ort, um den nur kreischende Möwen ihre Kreise drehen.
Und so ist es nur folgerichtig, daß sich die Bedrohung mit zunehmender Laufzeit immer mehr steigert - wenn schließlich ruchbar wird, daß man das Rätsel nicht klären kann und den Fluch nicht brechen. Stattdessen hat man sich selbst in Fluchreichweite gestellt und sieht sich von nun an verfolgt...
Ja, "The Woman in Black" ist kein großer, aber ein ungemein trefflicher, farbiger und atmosphärischer Film von intensiv bebilderter Einfachheit, mit dem man am Weihnachtsabend wirklich wohlig gruselnd im Sessel versinken kann. Irgendwann reichts dann auch zu gewissen Schockmomenten (ja, genau, DIE Szene, die mir persönlich allerdings nicht halb so schlimm, als vielmehr lustig vorkam, aber bei zarten Gemütern sehr effektiv sein dürfte), die sowohl Hauptfigur wie Publikum wie die sprichwörtliche Sau durchs Dorf treiben.
Danach einen Eierpunsch und ein leckeres Christmasdinner und dann vor dem Kamin mit einem guten Buch versacken. Und bei Licht einschlafen. (8,5/10)