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Nachdem sich Regisseur David Cronenberg zu Anfang seiner Karriere durch Filme wie "Rabid", "Shivers" oder "The Brood" den Ruf eins Schmuddel- und Ekelregisseurs erarbeitet hatte, oeffnete ihm sein Film "Scanners", dessen bekannteste Szene wohl die eines explodierenden Kopfes ist, die Tuer zu groesseren Hollywood-Produktionen. Cronenberg lehnte jedoch ab, da er seine bevorzugten, abseitigen Themen in dieser Sparte als nicht umsetzbar ansah, und widerstand der Verusuchung, als bezahlter Auftrags-Regisseur sein Geld in Hollywood zu verdienen - zum Glueck, muss man heute sagen. Somit kam es naemlich zu seiner eigenen Entwicklung, seine Ideenwelt der Koerpermutation adaequat umzusetzen, geschehen in Form von "Videodrome" und "Die Fliege", die heutzutage weit ueber die Genre-Grenzen hinaus bekannt sind. Letzterem widme ich mich im Folgendem.

Cronenbergs "Die Fliege" stellt ein Remake eines Films aus dem Jahr 1958, welcher denselben Namen traegt, dar. Anders als im Original bzw. bei Franz Kafka, der mit seinem Roman "Die Verwandlung", in dem der Protagonist eines Morgens aufwacht und feststellt, dass er sich ueber Nacht in einen Kaefer verwandelt hat, die Idee fuer den Film lieferte, findet die Verwandlung bei Cronenberg in einem schrittweise ablaufenden Prozess statt, was eine ungleich schockierendere Wirkung auf den Rezipienten hat, Schauspieler und Maskenbildner aber auch vor groessere Schwierigkeiten stellt. Aber auch storytechnisch haben Original und Cronenbergs Remake wenig gemein:
Seth Brundle (Jeff Goldblum) ist ein introvertierter Wissenschaftler, der scheinbar nur fuer seine Arbeit lebt. Durch einen Zufall lernt er die attraktive Journalistin Veronica Quaife (Geena Davis) kennen, und berichtet ihr von seiner Arbeit: er arbeitet an einem Geraet zur Teleportation von Menschen und Gegenstaenden. Nach anfaenglicher Skepsis ist Veronica fasziniert und beginnt, die Arbeit des spleenigen Wissenschaftlers zu dokumentieren. Schliesslich verlieben sich die beiden und gehen eine Beziehung ein. Nach einem missglueckten Teleportationsversuch, bei dem die Testperson, ein Pavian, ums Leben kommt, zweifelt Seth am Gelingen seiner Konstruktion, gibt aber nicht auf. Nach dem erneuten Versuch, diesmal mit dem Bruder des verunglueckten Pavian, der augenscheinlich gelingt, wagt Seth den Selbstversuch, ohne zu bemerken, dass eine Fliege in den Teleporter gelangt ist. Nach dieser erfolgreichen Teleportation beginnt Seth sich zu veraendern: Muskelkraft und Sexualtrieb steigen ins unermessliche, was er zu Beginn der Verwandlung durchaus als positiv empfindet, jedoch sind das nicht die einzigen Veraenderungen, die damit einhergehen. Seth wird zunehmend aggressiv, bekommt einen ekligen Ausschlag und setzt seine Beziehung zu Veronica aufs Spiel. Als er schliesslich herausfindet, was bei der Teleportation schiefgelaufen ist, ist es bereits zu spaet, die Verwandlung zur "Brundlefliege" ist bereits in vollem Gange - eine Spirale von Mutation und Gewalt nimmt ihren Lauf, und am Ende gibt es nur einen Ausweg. Allzu viel moechte ich an dieser Stelle nicht vorwegnehmen, als kleine Inhaltsangabe sollte es jedoch reichen.

Hatte Cronenberg bereits in seinem Film "Videodrome" Koerpermutationen thematisiert, konkretisiert er diese Idee jetzt weiter. Was in "Videodrome" noch surreal, realitaetsfern wirkte - auch aufrgrund des Spiels mit der Realitaet - perfektioniert Cronenberg in "Die Fliege" diese Verwandlungen, auch wenn das Sujet diesmal mindestens genauso phantastisch ist. Jeff Goldblum verkoerpert den seltsamen - heute wuerde man wohl "nerdig", "geekig" sagen - aber dennoch symphatischen Wissenschaftler mit Bravour und weiss auch mit dicken Make-Up-Schichten die Gefuehle der Fliege zu projizieren. Ebenso seine Partnerin Geena Davis, die nach Fertigstellung des Films auch seine tatsaechliche Partnerin - wenn auch nur voruebergehend - wurde. Gekonnt vermittelt Davis den Zwiespalt zwischen Abscheu und Mitleid, Faszination und Angst und verleiht ihrer Figur genau wie Goldblum Tiefe und teilweise sogar Rationalitaet. Einzig John Getz, der Veronicas Ex-Mann und Chef Stathis Borans verkoerpert, agiert teilweise etwas holzig und ungluecklich, was dem Ganzen aber insgesamt keinen Abbruch tut. Hervorzuheben ist auch das Zusammenspiel von Musik und Film, von Cronenberg und Shore. Howard Shore, seines Zeichens so etwas wie Cronenbergs hauseigener Komponist, liefert wieder einmal eine packend atmosphaerische Arbeit ab, sodass nicht verwunderlich sein sollte, dass Shore fuer fast alle Cronenberg-Filme die Musik beigesteuert hat. David Cronenberg hat mit "Die Fliege" das geschafft, was von vielen Leuten fuer unmoeglich gehalten wird, naemlich, ein Remake zu drehen, das den Original-Film in den Schatten stellt. Hierbei wird, wie bei allen Cronenberg-Filmen, seine unverkennbare Handschrift deutlich: etwa, wenn Seth ueber seine Reinigung philosophiert, seine Veraenderung des Fleisches als einen Neuanfang sieht, der ihn zu einem staerkeren, besseren Seth macht. Aehnlich wie bei "Videodrome" ist das Fleisch der zentrale Ausgangspunkt der Veraenderung und der Lenkung jener, sodass die Veraenderung, die Deformierung und Mutation als etwas Existenzielles, Notwendiges zum Verstaendnis dieser so wichtigen Veraenderung gesehen werden muss. Seth sieht in sich selbst das Nonplusultra der Schoepfung, allerdings nur so lange, bis er von der Schwangerschaft Veronicas erfaehrt - die Brundlefliege soll durch ein Potpourri aus Seth, Veronica und dem ungeborenen Baby ersetzt werden. Dieses Eins-werden, das Verschmelzen, zu dem es nicht kommt, stellt den Hoehepunkt der Cronenberg'schen Koerperlichkeit dar: der ultimative Koerperhorror, der Verlust desselben, betrachtet aus verschiedenen Perspektiven, die das alles noch perverser erscheinen lassen.

Kurzum: ein grandioser, tiefgehender Schocker, der zurecht als einer der besten Horrorfilme der 80er Jahre bzw. ueberhaupt gilt. Zusammen mit "Videodrome" Cronenbergs bester Film, der alles andere als ein kafkaeskes Kammerspiel ist!

9/10

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