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Remakes sind meist schlechter als das Original. Diese Regel ist in fast jedem Filmgedächtnis verankert, wird aber erstaunlich oft gebrochen. Gerade wenn die Remakes keine blassen Eins-zu-Eins-Kopien á la Gus Van Sants „Psycho“-Neuauflage sind, sondern wichtige, interessante Details und neue Elemente in die altbekannte Geschichte implementieren, wird es spannend. Der auf derbe Psychoschocks spezialisierte kanadische Filmemacher David Cronenberg drehte 1986 das Remake des 1958 entstandenen Horrorklassikers „Die Fliege“. Im visionären Original von Kurt Neumann werkelt der Wissenschaftler Delombre mit DNA-Ketten herum, und vertauscht aus Versehen die DNA-Bestandteile seiner selbst mit denen einer Fliege. Der Clou damals war folgender: Delombre hatte nach dem Austausch plötzlich einen Fliegenkopf auf seinem Torso sitzen, der mehr als widerspenstig war, während er sich selber (also sprich sein Kopf) auf dem winzigkleinen Fliegenkörper wiederfand.

Cronenberg ließ kaum etwas von dem originalen Sujet übrig, und entwickelte zusammen mit Co-Autor Charles Edward Pogue eine völlig andere Story. Der eigenbrödlerische Wissenschaftler Seth Brundle (Jeff Goldblum) bändelt mit der Journalistin Veronica (Geena Davis) an, nicht nur um seinem tristen Forschen leben einzuhauchen, sondern auch, um seine bahnbrechenden Forschungen adäquat dokumentieren zu lassen. Brundle hat sogenannte Teleboxen gebaut, zwischen denen man Gegenstände teleportieren lassen kann. Veronica ist begeistert von dem weltenverändernden Gerät, und auch von dem leicht freakigen Einstein-Verehrer. Die beiden werden ein Liebespaar. Als es Brundle schafft ein lebendes Tier zu teleportieren, kann er seine Neugier nicht im Zaum halten, und wagt einen Selbstversuch. Während des Teleportationsvorganges jedoch schmuggelt sich eine Fliege in die erste Telebox; der Computer mixt beide Gen-Codes und wirft in der Ziel-Telebos Seth Brundle plus Fliegen-DNA aus. Allmählich mutiert Brundle zu einem Wesen irgendwo zwischen Mensch und Tier.

Aus dem plötzlichen Austausch von ’58 machte Cronenberg eine qual- und effektvolle Verwandlung. Aus dem großen Wissenschaftler wird ein ekelerregendes Wesen. Brundle war einst auf der Suche nach einem Leben und nach Liebe im Leben, als er Veronica ansprach. er möchte gerne fliehen aus der öden Welt voller Formeln und Physik, möchte einfach leben. Doch als sich sein wissenschaftlicher Erfolg einstellt, muss er auch Abschied von seiner selbst und von seiner gefundenden Liebe nehmen. Geena Davis alias Veronica liebt den verunstalteten Wissenschaftler so sehr, dass sie dem Fliegenungetüm, das kaum noch Ähnlichkeit mit dem Mann, den sie als Seth Brundle kennen gelernt hatte, hat, dass sie versucht ihm zu helfen. Sie kommt immer wieder in seine Wohnung, um zu sehen, wie es um Brundle bestellt ist – und damit wir die neueste, erschreckendste Phase seiner Mutation erleben. Special-Effects-Designer Chris Walas schuf das komplette Make-up für Goldblum, den man besonders am Ende des Films kaum mehr unter der Maske vermuten kann. Aber nicht nur optisch setzt Cronenberg auf Paukenschläge. Um seine Geschichte des erkrankten und entstellten Wissenschaftlers so präzise wie möglich zu schildern, konzentriert er sich tunlichst auf die beiden Protagonisten. Seth und auch Veronica werden uns nahe gebracht. Ihre Liebe lernen wir zuerst verstehen, bevor Cronenberg seine Shocks an uns ausliefert. Am Ende braut sich eine furchtbare, nihilistische Stimmung auf. Während der Zuschauer sowohl als Mitleid, als auch Ekel bezüglich der Kreatur, die sich „Brundlefliege“ nennt, empfindet, spitzt sich die Story zu und endet in einem grauenhaften, aber auch emotional schmerzenden Showdown. Anstatt sich nur auf seine Effekte zu verlassen, lässt Cronenberg seine Figuren logisch und plausibel agieren. Der Identifikationsfaktor bei Veronica hoch, die sich fassungs- und hilflos einem nach Hilfe bettelnden Kranken aussetzen muss. Cronenberg schafft eine so brillante Stimmung – man könnte meinen er hätte Optik und Inhalt mittels zweier Teleboxen zu einer perfekten Mischung fusioniert. Einzig und allein der etwas naiv gestaltete Computer Brundles ist ein kleiner, kaum wahrzunehmender Wermutstropfen.

„Die Fliege“ ist nicht nur eines der gelungensten Remakes, man kann den Film auch durchaus zu den besten Horrorfilmen der 80er Jahre, und der spannendsten Filme Cronenbergs zählen. Vom Drehbuch, über die Darsteller, bis hin zur pessimistisch-pompösen Score von Howard Shore – „Die Fliege“ ist ein großer Horrorfilm, der in allen Belangen die Bestnote verdient.

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