Review

Die Fliege ist ein typischer Cronenberg, ohne ein typischer
Cronenberg zu sein.

Denn Die Fliege gehört zu den wenigen Filmen des Canadiers, in denen sich sogar der Subtext schon beim ersten Sehen erschließt. Dies mag auch an der einfachen Story liegen: Der etwas unbeholfene Wissenschaftler Seth Brundle (Jeff Goldblum) macht eine großartige Erfindung, lernt sogar eine sexy Frau (Geena Davis) kennen. Sie ist Reporterin und möchte Brundle in der letzte Phase seiner Experimente begleiten. Brundle kennt sich im Umgang mit menschlichem Fleisch aber kaum aus, missinterpretiert eine Situation, wird eifersüchtig und unternimmt einen verhängnisvollen Selbstversuch im Alkoholrausch. Bei eben jener Teleportation ist aber eine Fliege mit involviert, das Brundle-Fleisch ist damit nicht mehr rein und vermischt sich auf molekularer Ebene mit dem der Fliege.
Ein weiterer Vorteil dieser einfach gestrickten Geschichte: Die Fliege ist einer der unterhaltsamsten Filme Cronenbergs, da sich das Abstrakte, mit dem Cronenberg immer wieder spielt, nahezu ausschließlich im Subtext manifestiert – anders als etwa in Naked Lunch oder Videodrome, Crash oder Existenz.

Sehr typisch ist hier wiederum eben jener Subtext, in dem es darum geht, dass sich das Innere des Menschen nach außen dreht, ähnlich wie es bei dem ersten Affenexperiment in Die Fliege geschieht - es entsteht ein Neues Fleisch – das klassische Thema im Cronenbergschen Kosmos. Dafür muss aber das Alte Fleisch erst einmal zerstört werden. Und dies geschieht in Die Fliege sehr explizit.
Dieses Remake ist wohl Cronenbergs blutigster Film, der den Regisseur einem breiten Publikum fälschlicherweise als Horrorfilm-Regisseur bekannt machte. Doch davon ist der Sohn eines Arztes weit entfernt. Cronenberg befasst sich eher mit der Manifestierung einer grundlegenden Entwicklung/Veränderung des menschlichen Wesens und Daseins im Fleisch. All seine Filme sind damit durchzogen, in Die Fliege bekommt man dies aber sehr unabstrakt gezeigt. Denn die Mutation vom Menschen in die Fliege ist sehr deutlich. Auch die Tatsache, dass die Geliebte ein Brundle-Baby erwartet und Seth sich mit den beiden durch eine letzte Teleportation zum Superbrundle-Fleisch vereinigen möchte, hebt dieses Element des Subtextes auf die Ebene der eigentlichen Geschichte und macht es umso erfahrbarer.

Zudem versetzt Cronenberg seinen Film mit einer klassischen Liebesgeschichte, die aufgrund der dramatischen Entwicklung des Fliegenmonsters den Zuschauer sehr tief berühren dürfte. Dies wird vor allem in der Szene deutlich, in der Brundle, mehr oder weniger schon Brundle-Fly, seine in Tränen aufgelöste Geliebte wegschickt, weil er ihr sonst weh tun wird. Am Schluss präsentiert uns Cronenberg auch noch das Erlösungsmotiv, wenn die Geliebte ihren  Wissenschaftler, der im Grunde nur noch ein Fleischklumpen ist, mit einem finalen Schuss erlöst. Dies ist ein Moment, den man in früheren Werken Cronenbergs vergeblich sucht. Gibt sich der Filmheld in Videodrome am Ende dem Neuen Fleisch völlig hin, indem er seinem menschlichen Fleisch durch Selbsttötung ein Ende bereitet, oder wiederholt sich der Vorgang der fleischlichen Mutation in eine literarische Abstraktion am Ende von Naked Lunch, so bittet Brundle am Ende von Die Fliege um seinen Tod, um seine Erlösung, indem er das Gewehr selbst an seinen Kopf setzt.

Ansonsten findet man viele Elemente eines typischen Cronenbergs auch in Die Fliege. Das Setdesign spielt wieder mit sehr vielen Flächen, die Ausleuchtung ist weich und auch Farben sind eher unaufgeregt. Genauso der Score von Hauskomponist Howard Shore, der noch nie eine schlechte Filmmusik ablieferte. Zu verdanken ist all dies dem nahezu gleichen Stab, den Cronenberg immer wieder in seinen Filmen einsetzt. Die Fliege überzeugt mit einer ruhigen Kamera und dazu gegensätzlich harten Effekten, die allerdings nie zum Selbstzweck eingesetzt werden. Ferner steigert Cronenberg den Spannungsbogen kontinuierlich zum Final-Shot hin und hinterlässt den Zuschauer mit einem flauen Gefühl im Magen.

Fazit: Typische Elemente der Cronenbergschen Filme vereinen sich in Die Fliege mit eher traditionellen Erzählstrukturen, die man sonst bei dem Canadier vergebens sucht(e). Das Resultat ist ein tiefgründiger und äußerst unterhaltsamer Horrorfilm. Ein neues Zelluloidfleisch aus dem Kosmos des kanadischen Regisseurs.
10/10

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