Umberto Lenzi war einer der Pioniere im Kannibalenfilm und startete 1972 mit seinem Beitrag die "Mondo Cannibale"-Reihe, deren Fortsetzung 1977 von Ruggero Deodato inszeniert wurde. Deodato war es dann auch, der drei Jahre später für Fans des Genre den ultimativen Kannibalenfilm auf die Leinwand bringen sollte: "Cannibal Holocaust" schlug ein wie eine Bombe und sorgte aufgrund seines finanziellen Erfolgs für etliche Nachahmer, von denen Lenzi widerum zwei inszenieren sollte.
Hatte "Lebendig gefressen" noch eine eigenständige Handlung, so erweist sich Lenzis Drehbuch- und Regiearbeit von "Die Rache der Kannibalen" von vorne bis hinten als dreister "Cannibal Holocaust"-Klon, der sich vielmehr thematisch als inszenatorisch bei Deodatos Klassiker bedient.
Inszenatorisch handelt es sich bei "Die Rache der Kannibalen" um ein preisgünstig, aber routiniert abgedrehtes Flickwerk, das mit ähnlicher Crew und Cast vor nahezu identischen Kulissen abgedreht wurde, wie kurz zuvor "Lebendig gefressen".
Lenzi kann jedoch zu keiner Zeit der einfallsreichen Inszenierung Deodatos das Wasser reichen, treibt das blutrünstige Machwerk aber relativ straff voran und füllt die löchrige Handlung mit einem unsinnigen, in New York spielenden Nebenstrang, der parallel zu den Ereignissen im Dschungel Neuguineas verläuft. Die kurzen Ausflüge in die zivilisierte Welt haben für den eigentlichen Handlungsverlauf keinen Nährwert und dienen lediglich dazu, die sehr dünne Handlung auf ein akzeptables Längenmaß zu dehnen.
Roger Kerman, der sowohl in "Cannibal Holocaust" als auch in "Lebendig gefressen" die Hauptrolle inne hatte, wird hier mit einer Nebenrolle abgestraft. Lorraine de Selle mimt die obligatorische Anthropologin, die es mit ihrem Bruder und einer Freundin in den Urwald verschlägt, um die These zu belegen, dass Kannibalismus nicht existiert. Sie bleibt in ihrer Rolle blass wie ihr Teint und wird von Giovanni Lombardo Radice und Zora Kerova an die Wand gespielt. Vor allem Radice kann als drogensüchtiger, schmieriger und bestialischer Widerling überzeugen, während man Kerova die Schlampe mit Herz abnimmt. Ansonsten gibt es noch ein kurzes Wiedersehen mit Venantino Venantini in einer kurzen Nebenrolle (er durfte Radice im selben Jahr in Fulcis "Ein Zombie hing am Glockenseil" mit einem Bohrer den Schädel malträtieren) und selbst Ex-TATORT-Star Dominic Raacke hat sich als Junkie in den blutigen Exploiter verirrt, der nicht mit Sadismen und Grausamkeiten geizt.
Während man bei Deodato denken könnte, dass er das Maß an filmischer Gewalt bis an die Spitze getrieben hätte, versucht Lenzi mit allen Mitteln, das Inferno aus Blut und abartiger Gewalt nochmals zu steigern, und liefert mitunter die härtesten Kills der italienischen Filmgeschichte ab. Das Ergebnis ist ein handgemachtes Effekt-Panoptikum auf höchstem Niveau, das mit Radices Enthauptung und Kerovas Aufspießung ihrer Brüste, um sie daran aufzuhängen, das finale Höchstmaß grausamer Gewaltdarstellung erreicht. Dagegen wirken blutige Piranha-Attacken, Entmannungen und Ausweidungen geradezu harmlos.
In Bezug auf die Darstellung der Eingeborenen, des Einfallsreichtums seiner Inszenierung und des Minimums an plagiierter Handlung, muss man bei Lenzi deutliche Abstriche machen. Hinsichtlich seines exploitativen Charakters und des geradlinigen Handlungsverlaufs, der einzig durch die New Yorker Sequenzen minimal ausgebremst wird, kann sein Kannibalenschocker allerdings überzeugen.
Insgesamt jedoch mehr Mach- als Meisterwerk, aber durchaus unterhaltsam. Ein dreckiger, roher Exploiter der übelsten Sorte.
7/10